— 10 —
getrennt und die Unlust (bez. den Schmerz) zu den Sinnes- empfindungen und die Lust (bez. die Freude) zu den Emotionen gestellt 1 ).
Warum können Lust und Unlust keine Sinnesempfindungen sein 2 )?
Die Veranlassung zu der Verbindung mit den Sinnesempfindungen lag neben einigen anderen Gründen in der Annahme besonderer Schinerzpunkte, deren Existenz nach Marshalls Ansicht jedoch nicht völlig sicher steht 3 ), weiter an der Erscheinungsweise von Lust und Unlust, die sich beide oft in so deutlicher Form wie Sinnesempfindungen zeigen.
Wenn Lust und Unlust Sinnesempfindungen wären, so müsste es möglich sein, in der Gehirnrinde ein Nervcn-
1) M. macht zwischen Unlust und Schmerz und zwischen Lust und Freude nur dem Grad nach einen Unterschied, I, S. 6.
2) Vgl. I, S. 10, 15 ff.
3) Und selbst, wenn das der Fall wäre, durften, wie M. in Bezug auf G ol ds ch e id e r s Experimente aus dem Jahr 1885 (vgl. I, S. 20 ff) meint, die fraglichen Schmerzpunkte und Schmerznerven als dieselben zu betrachten sein, die sonst den Schmerz beim Schneiden und Stechen vermitteln. Neuere Forschungen sprechen jedoch unzweideutig im Sinne jener Schmerzpunkte und Schmerznerven. Stumpf kommt in derZeitschr. für Psych., B. 44, S. 1 ff zu folgendem Schluss (S. 40): „Die sogenannten sinnlichen Gefühle oder Gefühlstönc der Empfindungen sind selbst Sinnesempfindungen. Sie gehören daher auch nicht zum zuständlichen Teile des Bewusstseins, sondern zum gegenständlichen, nicht zu den Funktionen, sondern zum Material, wenn anders man Farbe, Töne, Gerüche, zum Gegenständlichen und zum Material des Bewusstseins rechnet, und in demselben Sinn, in welchem man dies tut."
An einer anderen Stelle sagt Stumpf (S.6): „Die Lehre vom Gefühls- ton der Empfindungen ist daher sicher zu verwerfen. Die Ausdrücke „Gcfühlston", „stark" oder schwach" betonte Empfindungen kann man immerhin weiter verwenden, sie sind für viele Fälle recht bequem, und müssen nur eben im Sinne einer der andern Theorien verstanden werden."
Bei allem ist doch zweifelhaft, ob Marshall sich zu der neuen Auffassung bekennen wird, nachdem er schon früher in mehreren Kontroversen mit Strong und Nichols, die beide ganz ähnlicher Ansicht wie Stumpf sind, in der Psych. Review und der Physiol. Keview seine eigne Ansicht aufrecht erhalten und dann in I, S. 15 ff Nichols Behauptungen zurückgewiesen hat.


