diejenigen Schüler, die vor den Versetzungen die An— stalt verlassen, müssen zu denen gerechnet wer-— den, die das Ziel nicht erreichen. Im ganzen gesehen liegt die Zahl der Schüler, die nicht in die nächste Klasse aufgenommen werden, zwischen 10 und 11 Prozent.
Diese Zahl ist aber nicht gleichzusetzen mit der Zahl der„Schulversager“, d. h. derjenigen, die das Ziel der
Die Reifeprüfung
Der Wegfall der Reifeprüfung wird gelegentlich ge- fordert mit der Begründung, die Schule müsse den Schüler gut genug kennen, um ihm ohne besondere prüfung die Reife zuzuerkennen. Dieser Einwand wäre sicherlich berechtigt, wenn es bei der Reifeprüfung nur um die prüfung eines bestimmten Wissensstandes ginge.„Am Ende der Schulzeit steht die Reifeprüfung. Sie ist der organische Abschluß der erzieherischen und unterrichtlichen Arbeit der Höheren Schule. Sie soll zugleich den Nachweis erbringen, daß der Schüler die Hochschulreife hat.“ Mit diesen Worten beginnt die „Ordnung der Reifeprüfung an den Hõöheren Schulen im Lande Hessen“. Die Reifeprüfung ist also nicht nur eine Prüfung des Schülers. Sie soll nicht einen be- stimmten Wissensstand feststellen, obgleich auch dieses eine ihrer Aufgaben ist. In der Reifeprüfung stellt sich vielmehr auch die Schule selbst dar. In ihr überprüft die Anstalt die Arbeitsmethoden, sie fragt nach den besonderen Wegen, die einzelne Klassen oder ein- zelne Fächer gegangen sind. Sie versucht, neue Forde- rungen oder neue Gestaltungen zu überprüfen.
Die neuen Bildungspläne des Landes Hessen machen eine Teilung der Reifeprüfung notwendig, da im Alt- sprachlichen Gymnasium und im Neusprachlichen Gymnasium die Mathematik am Ende der Unterprima aufhört, im mathematischen Zweig das Englische zu dieser Zeit endet. Deshalb beginnt die Reifeprüfung mit einer Vorprüfung im Englischen bzw. Mathematik bereits am Ende der Unterprima. Mündliche Prüfungen werden in diesen Fächern möglich sein, ebenso wie in all den Fächern, die vorher enden.(Erdkunde, Chemie). Die Noten, die der Schüler in diesen Fächern erreicht hat, gelten sowohl für die Versetzung nach Oberprima als auch für die Reifeprüfung.
Der zweite Teil der Reifeprüfung beginnt mit der Meldung zum 1. Dezember. Zu diesem Termin erfolgt die Zulassung, auch die schriftlichen Arbeiten werden an die Aufsichtsbehörde, das ist das Regierungsprö-— sidium, eingereicht, das sowohl die Schüler endgültig zuläßt als auch unter den vorgeschlagenen Reifeprü- fungsaufgaben die geeigneten auswählt.
Die schriftliche Reifeprüfung findet im allgemeinen Ende Januar/ Anfang Februar statt. Sie wird künftig, nachdem in der Unterprima bereits Mathematik bzw. Englisch geschrieben worden sind, noch drei Fächer umfassen: Im Altsprachlichen Gymnasium Deutsch, Latein, Griechisch, im Neusprachlichen Gymnasium Deutsch, Englisch und nach Wahl Latein oder Franzö- sisch, im mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig Deutsch, Mathematik und nach Wahl eines der beiden charakteristischen naturwissenschaftlichen Fächer der
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Schule nicht erreichen. Eine sehr große Zahl der „Sitzenbleiber“ läuft im Anschluß an die Nichtver- setzung die Schule glatt bis zu Ende durch. Dabei ergibt sich die interessante Tatsache, daß eine ganze Anzahl von ihnen später zu den guten Schülern zählen, ein Beweis dafür, daß ein rechtzeitiges Zurückbleiben sehr heilsam wirken kann.
Oberprima, in Dillenburg entweder Physik oder Bio- logie.
Die schriftliche Reifeprüfung soll die geistige Reife des prüflings ermitteln, nicht Einzelkenntnisse fest- stellen. Die Themen müssen den Lehrplänen entspre- chen und so gestaltet sein,„daß die Prüflinge bei ihrer Lösung ihre Befähigung zum klaren Denken, in den einzelnen Fächern auch ihre Ausdrucksfähigkeit in der eigenen oder einer Fremdsprache und ihr Stilgefühl nachweisen können“.
Auf den Gymnasien tritt in den neuen Bildungs- plänen die reine Wissensvermittlung immer mehr zu- rüc hinter einer starken Betonung der Forderung, den Schüler in die Arbeitsmittel des Faches einzuführen— die Benutzung von Karten, Statistiken, Plänen, Bildern, etwa in der Geschichte— und die Arbeitsmethoden eines FPaches, etwa die Auswertung der Quellen im Sozialkundeunterricht und Geschichtsunterricht. Darauf werden auch die schriftlichen Arbeiten mehr und mehr abgestellt.
So kann im Deutschen an die Stelle des Aufsatzes etwa die Besprechung eines Filmes treten, der am Mor- gen des Prüfungstages vorgeführt wurde. Auch das Tonband wird eingesetzt, wenn z. B. eine politische Rede vom Tonband abgespielt wird und der Schüler diese Rede dann im Aufsatz zusammenfassen soll. Solche Formen des deutschen Aufsatzes erscheinen deshalb notwendig, weil es sich hier um Aufgaben handelt, vor die der Schüler auch im täglichen Leben später immer wieder gestellt wird: Ein Buch muß genau so gut beurteilt werden können wie ein Film oder eine Bundestagssitzung.
Die mündliche Reifeprüfung entspricht denselben Grundsätzen. Auch sie prüft nicht Sachwissen, sondern Verständnis, Beherrschung der Arbeitsmethoden, selb- ständiges Denken. Alle Formen der menschlichen Ver- ständigung sollen hier angewandt werden. Der Schüler- vortrag behält nach wie vor sein Recht. In Sozialkunde ist die Diskussion innerhalb einer Gruppe die Grund- form der Prüfung. Dem musikalischen Schüler wird Gelegenheit gegeben, als Solist sein Können zu zeigen. Der naturwissenschaftliche Unterricht setzt in immer stärkerem Umfange das Experiment ein. Im Deutschen ist die Aussprache in einer kleinen Gruppe von Schü- lern eine beliebte Form der Reifeprüfung.
Die Zahl der Schüler, die im letzten Jahr ihrer Schul- laufbahn versagen, ist nicht sehr hoch. Sie dürfte auf eine längere Reihe von Jahren gesehen 3 bis 5 Prozent nicht überschreiten.


