Deshalb sind die schriftlichen Aufgaben auch auf diesen zwei verschiedenen Prinzipen aufgebaut, auf einer Prüfung des Grundwissens und des Denkver-— mögens.
Im Deutschen wird zunächst in einem Diktat über-— prüft, ob das Kind die Grundlage der Rechtschreibung beherrscht, dann folgt eine Nacherzählung und schließ- lich ein Brlebnisaufsatz. Die Nacherzählung prüft das Gedächtnis des Kindes. Wir wollen feststellen, ob es imstande ist, einen vorgelesenen Stoff in den wesent- lichsten Punkten aufzunehmen und in der richtigen Reihenfolge klar und deutlich wiederzugeben. Der Auf- satz erprobt die Phantasie des Kindes, vor allem sein Vermöõgen, sich eine Lage schnell auszudenken und aus- zumalen. Bei der Nacherzählung und dem Aufsatz wird außerdem die Beherrschung der schönen Sprache ver- langt. Bin großer Wortschatz zeigt, daß das Kind schon sehr viel von der Umwelt in sich aufgenommen hat. Kann es nur einfach gebaute Hauptsätze bilden, ist die geistige Entwicklung zurückgeblieben. Vermag es jedoch schon Nebensätze richtig einzubauen, dann bedeutet das eine große Leistung. Kann das Kind direkte und indirekte Rede anwenden und dadurch dem Aufsatz Farbe verleihen, so zeigt das einen weiteren Fortschritt an.
So können die Lehrer aus Nacherzählungen und Diktat in weitem Umfang auf die geistige Reife des Kindes schließen.
Von den beiden Rechenarbeiten bringt die erste eine Uberprüfung der Beherrschung der vier Grundrech- nungsarten. Addition und Subtraktion größerer Zahlen werden verlangt, bei der Multiplikation gibt es auch schon Aufgaben wie die folgende:
6000 307.
Hier ist die Schwierigkeit der Multiplikation mit einer Null eingebaut.
Die zweite Rechenarbeit soll darüber hinaus die Denkfähigkeit des Kindes prüfen. Deshalb werden hier durchweg eingekleidete Aufgaben gestellt, die von dem Kind schon ein gewisses Binleben in die Zahlenwelt verlangen.
Auf die Brgebnisse der schriftlichen Prüfungsarbeiten allein kann sich die Schule nicht verlassen, weil durch die ungewöhnliche Situation bei manchen Kindern allzu leicht Hemmungen eintreten können. Sehr viel Wert legen deshalb die Gymnasien auf die Beobachtung der Kinder im Mündlichen. Je ein Lehrer der Volksschule und ein Lehrer des Gymnasiums unterrichten abwech- selnd. Der Lehrer, der nicht unterrichtet, beobachtet die Kinder, um Notizen für die spätere Beurteilung zu sammeln. Dieser mündliche Unterricht wird so locker gehandhabt wie nur möglich, damit das Kind nicht von vornherein allzu sehr gehemmt wird. Die Kinder er- zählen von ihrem Heimatort, von ihrem Spiel, es wird gesungen, vielleicht auch gebastelt. In der Form eines ganz vorsichtig geführten Unterrichtsgesprächs wird versucht, festzustellen, wie weit die Kinder mitarbeiten können, wie sie sich beteiligen, wie schnell sie reagieren. Dabei verbirgt sich hinter dieser lockeren Form eine durchaus gründliche Prüfung, die besonders in der Form von Neudurchnahme von Stoffen, die den Kin- dern fremd sind, durchgeführt wird.
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Am Ende der Prüfung stellen die beiden unterrich- tenden Lehrer für jeden Schüler ein Gutachten zu- sammen, das neben den Ergebnissen der schriftlichen prüfung eingehend über das Verhalten des Kindes wäh- rend des Unterrichts, über seine Mitarbeit, seine Be- herrschung der Sprache, sein Denkvermögen berichtet.
Diesem Gutachten der aufnehmenden Schule wird dann das Gutachten der abgehenden Volksschule ge- genübergestellt. In diesem sehr sorgfältigen Fragebogen berichtet die Volksschule, die das Kind ja genau kennt, über die sozialen Verhältnisse des Kindes,— die wichtig sind, damit man dem Kind nicht Unrecht tut—, über seine Leistungen und seine Möglichkeiten.
Erst nach sorgfältigem Vergleich der beiden Gut- achten entscheidet der Prüfungsausschuß, der aus dem Direktor der aufnehmenden Schule, zwei Vertretern der Volksschule und zwei Vertretern der Gymnasien be— steht, ob das Kind in die Höhere Schule aufgenommen werden kann.
Diese Form des Ausleseverfahrens hat sich bewährt. Sie nimmt zunächst einmal Eltern und Kindern durch die Teilung von Lehrern der Grundschule und der auf- nehmenden Schule die Sorge ab, daß die Prüflinge zu einseitig vom Standpunkt der Gymnasien her beurteilt werden könnten. Die Auslese dauert so lange, daß auch der Zurückhaltendste von den Hemmungen befreit wird, die ein solches Verfahren einmal mit sich bringt. Es ist eine Erfahrungstatsache, daß spätestens am dritten Tag auch der Gehemmteste mitmacht. Daß eine solche län- gere Auslese auch bessere Erkenntnisse liefert, ein ge- naueres Beobachten ermöglicht, versteht sich von selbst. Die Zusammenarbeit zwischen Volksschulen und Gym- nasien hat sich in diesem Ausleseverfahren ausgezeich- net bewährt.
Freilich muß vor der Annahme gewarnt werden, daß dieses Verfahren nun endgültig festlegen könne, wer für die Höhere Schule geeignet ist. Das Gymnasium liest im wesentlichen in den Fremdsprachen aus; und keine Aufnahmeprüfung, auch kein Testverfahren kann feststellen, wie der Schüler einmal auf die Fremdspra- chen ansprechen wird.
In Dillenburg ergeben sich während der Prüfungs- woche noch besondere Schwierigkeiten, die auf die ganz verschiedene Vorbildung der Kinder zurückzuführen sind. Unsere Sextaner kommen aus 30 bis 40 ver- schiedenen Schulen, unter denen vom einklassigen System bis zur voll ausgebauten Volksschule alle Schul- systeme vertreten sind. Von den Schülern der Dillen- burger Volksschulen melden sich S0 prozent zur Auf- nahme für die weiterführenden Schulen. Das bedeutet, daß im vierten Schuljahr diese Tatsache im Unterricht gebührend berücksichtigt werden kann, die Schüler, die zum Gymnasium oder zur Mittelschule übertreten wol- len, können hier besser gefördert werden als in den Schulen, in denen nur ein Schüler zum Auslesever- fahren gemeldet wird. Besonders im Bin- oder Zwei- klassensystem kann der Lehrer unmöglich die Kinder so weit fördern, wie das in der achtklassigen Schule der Fall ist. Die Vergleichsmöglichkeiten sind ebenfalls geringer, dazu kommt noch, daß die Schüler, die aus den ländlichen Gegenden kommen, meist sprachlich ge- hemmt sind, scheuer und zurückhaltender. Sie tauen


