Aufsatz 
Festschrift des Gymnasiums Dillenburg zur Einweihung des Neubaues am 21. November 1957 /
(Zusammenstellung: W. Bauer, H. Menzel)
Entstehung
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WAEERUNDZLILB

DIE SCHULERAUSLESE

1500 Kinder werden in jedem Jahr im Dillkreis geboren. 8 bis 10 prozent von ihnen etwa 140 treten in die Sexta der beiden Gymnasien ein; 50 von ihnen erreichen das Ziel und verlassen mit dem Abitur die Anstalt.

1500 140 50: in diesen drei Zahlen liegt das ganze Problem der Auslese an unserem Gymnasium beschlossen. Was bedeutet dieses Wort Auslese? Es bedeutet zunächst, daß nur 3 Prozent eines Geburten- jahrganges die Reifeprüfung erhält; es bedeutet weiter- hin, daß nur etwa 30 bis 40 Prozent der Schüler, die in die Sexten eintreten, das Endziel erreichen. Rund ein Drittel geht vorher ab, weil die Schüler nicht die Absicht haben, bis zur Reifeprüfung weiterzugehen, ein Drittel aber versagt auf der höheren Schule und muß sie vor- zeitig verlassen, um in die Volksschule oder Mittel- schule überzugehen.

Unter diesem Gesetz derAuslese stehen nun unsere Kinder. Es ist ein hartes Gesetz, denn es be lastet jedes Kind von vornherein mit der kategorischen Forderungdu mußt. An sich widerspricht das Prinzip der Auslese den Forderungen der Brziehung, jedes unserer Kinder so zu fördern, wie es seiner Neigung, seiner Begabung entspricht. Keine Gesellschaft aber kann sich die Erfüllung einer solchen Forderung er- lauben. Dann müßten wir jedem Kind einen eigenen Erzieher geben, der es sorgfältig fördert, der darüber wacht, daß es nicht überfordert wird, daß die Spanne zwischen Leistungsfähigkeit und Aufgabe nicht zu groß wird. Es liegt auf der Hand, daß diese Individualitäts- erziehung zu kostspielig ist.

Gemeinschaftserziehung, die Erziehung in Gruppen, Klassen, Schulen, setzt Lehrpläne voraus, Durchschnitts- forderungen, deren Erfüllung von allen Kindern ver- langt werden muß, damit das Klassenziel erreicht wird.

Die Gymnasien müssen also auslesen, d. h. sie müs- sen alle diejenigen Schüler ausscheiden, die nicht im stande sind, den Anforderungen an Wissen und Den- ken, an Wille und Fleiß standzuhalten.

Die Kinder aber arbeiten nun alle unter ver- schiedenen Bedingungen. Nicht nur die Begabung unter- scheidet sich, auch das Milieu des Elternhauses, das von der sorgfältigsten geistigen Pflege bis zur Verwahr-

Das Ausleseverfahren für die Sexta

Eine Prüfung stellt dieses Ausleseverfahren nicht dar, es soll auch keine sein, denn es ist nicht möglich, den Zehnjährigen schon vor jene Situation, vor der auch die Erwachsenen so sehr scheuen, zu stellen. Das Ver- fahren ist also mehr eine Beobachtungswoche. Natür- lich kann man auf schriftliche Arbeiten nicht verzichten. Wir müssen wissen, ob bestimmte Grundvoraussetzun-

losung alle Stufen umfaßt übrigens von der sozialen Stellung der Eltern unabhängig. Der Leistungswille differiert, die Zähigkeit ist verschieden, es gilt also, neben der reinen Begabung, noch alle mõöglichen ande- ren Faktoren zu berücksichtigen.

Diese Vielfalt macht die Auslese so sehr schwer, sie wird noch schwerer, wenn man berücksichtigt, daß aus den Abiturienten der Gymnasien Lehrer und Offiziere, Pfarrer und Justizinspektoren, Apotheker und Hoch- schulprofessoren hervorgehen sollen. Für alle diese Berufe sollen die Gymnasien den Nachwuchs bringen. Und wieviel vollständig verschiedene geistige Anfor- derungen werden von den so ganz verschiedenen Beru- fen gestellt.

Die Frage der Auslese wäre sehr einfach zu lösen, wenn es ein Mittel gäbe, festzustellen, ob ein Zehn- jähriger auch wirklich befähigt ist, das Gymnasium zu durchlaufen.

Alle Versuche aber, Testformen zu finden oder Auf- nahmeprüfungen, die auch nur einigermaßen eine solche Entscheidung liefern können, sind bisher ge- scheitert. Es ist nicht möglich, bei einem Zehnjährigen eindeutig zu sagen, ob er die Voraussetzungen erfüllen wird, die notwendig sind, um die Reifeprüfung zu bestehen. Bestenfalls können wir für die nächsten drei Jahre eine Voraussage wagen. Es ist auch später nicht möglich ob es nun in der Tertia oder Obersekunda ist eindeutig von einem jungen Menschen zu behaup- ten, er würde die Reifeprüfung bestehen. Es spielen zu viel verschiedene Faktoren mit, die zusammen- kommen müssen, um ein Höchstmaß zu erzielen.

Um eine wirklich gerechte Auslese zu treffen und die 40 Prozent auszusuchen, die wirklich nach der Meinung der Schule geeignet sind, die Hochschule zu besuchen, und die Hochschulreife bleibt das erste Ziel unserer Gymnasien hat man zu Beginn der Schulzeit ein erstes Sieb davor gesetzt; am Ende der Schulzeit folgt das letzte, die Reifeprüfung. In den neun Jahren da- zwischen wird durch ständige sorgfältige Beobachtung von Anlage, Leistung und Arbeitswille versucht, fest- zustellen, welche Schüler für die Gymnasien gecignet sind.

gen erfüllt sind: ob das Kind die Grundrechenarten beherrscht, ob es einigermaßen orthographisch richtig schreiben kann. Schließlich möchten wir auch fest- stellen, ob ein gewisses Denkvermögen, wir nennen es gerne das logische, vorhanden ist, weil wir nur daraus schließen können, ob das Kind den Anforderungen der Höheren Schule gewachsen sein wird.

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