15 da wir doch von vielen gleichzeitigen und ſpäteren einzelnen Unterrichtsverſuchen mit Taubſtummen, unter anderen auch von unſerem Landsmanne dem Pfarrer Arnoldi in Großlinden bei Gießen(† 1783) erfahren. Es ſchien im Geiſte der Zeit zu liegen, daß einzelne Männer von ſelbſt als Autodidacten die Taubſtummenſache förderten.
Zu den edelſten Geſtalten unter dieſen Allen gehört unſtreitig der Wormſer Gymnaſiallehrer, für ſeine nach⸗ maligen Verdienſte um die Taubſtummen des Großherzogtums Heſſen durch den Doctor⸗Titel geehrte G. Noller.
Wer ihn geſehen, gekannt, weiß nicht genug die Milde und Freundlichkeit, die überaus ehrwürdige Erſcheinung Roller's zu ſchildern. Sein ganzes Weſen atmete Frieden und Liebe, Eigenſchaften, welche ihn ſo vorzugsweiſe geſchickt zum Taub⸗ ſtummenlehrer machten. Roller's Perſon erinnert unwillkürlich an den Begründer der Pariſer Taubſtummen⸗Anſtalt, den edlen Abbé de l'Epée. Und ähnlich wie dieſer, erhielt auch er den Ruf, den Taubſtummen Heil zu ſchaffen.
Er ſelbſt erzählt davon Folgendes:—
„Ein armer Knabe von hier(in Worms) kam im „Dezember 1 820 vor die Tür einer edlen, wohlthätigen Frau, „um ſich ein Almoſen zu erbitten. Seine frenndliche Miene „und ſeine ſanften Geſichtszüge machten einen angenehmen „Eindruck auf die Wohlthäterin der Armen. Sie fragte: wer „er wäre und wie ſeine Eltern hießen; allein er konnte nicht „antworten, denn er war taubſtumm. Die Mutter, eine „Wittwe, war bald erfragt. Sie kam mit ihrem taubſtummen „Kinde— beiden wurde der tägliche Zutritt geſtattet und „denſelben ſtets eine Gabe mitgeteilt.
„Der Junge äußerte einmal bei ſeiner Wohlthäterin durch „Zeichen, er möchte auch ſchreiben lernen, wie die „anderen Kinder. Dieſen teilte man mir mit....... „Ich“, fährt Roller fort,„der ich noch keinen Taubſtummen „geſehen, war begierig, dieſen Knaben kennen zu lernen, um „ſelbſt ihm Unterricht zu erteilen, bat, die Mutter möchte ihn „zu einer beſtimmten Stunde zu mir bringen. Dies geſchah.“...


