Aufsatz 
Festschrift zur Jubiläumsfeier des 50jährigen Bestehens des Großherzoglichen Taubstummen-Instituts zu Friedberg : 21. Mai 1887 ; und als Einladung zu derselben / hrsg. von Wodaege
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14 errungen, indem Behörden und mildthätige Private in der Er⸗ richtung von Taubſtummen⸗Anſtalten gleichſam mit einander gewetteifert haben.

Hierbei gedenken wir in liebevoller Pietät eines Mannes, der wenigſtens für Preußen dieſen edlen Wettkampf hervorgerufen. Es iſt kein anderer als der leider zu früh dahingeſchiedene General⸗Schul⸗Inſpector von Preußen, Geheime Regierungsrat Sägert. Als derſelbe vor mehr denn 60 Jahren ſein Leben dem Taubſtummen⸗Weſen weihte, fehlte es an Anſtalten, an Lehrern, an jeglicher Organiſation. Wie und wo es anging intereſſirte er die betreffenden Behörden ſowie die ge⸗ eigneten Perſönlichkeiten für unſere Sache und als er nach 50⸗ jähriger Amtsthätigkeit auf ſein Werk zurückblicken durfte, war das große Werk der Humanität, das er ſich zum Ziele geſteckt, wenn auch nicht vollendet, ſo doch der Vollendung nahe gebracht.

Sägert wird und muß für dieſe ſeine hervorragende Wirk⸗ ſamkeit ſtets in erſter Linie mitgenannt werden, wenn die Geſchichte die Wunden der leidenden Menſchheit berührt.

Obwohl die Kunde, daß man Taubſtumme unterrichten, ja ſprechen lehren könne, von Anfang an nicht ohne Aufſehen ver⸗ nommen wurde, ſo kann man doch ſeine Verwunderung darüber nicht unterdrücken, wenn, wenigſtens in Deutſchland, der weiten Schichten des Volkes ganz zu geſchweigen, ſelbſt der größte Teil der Gebildeten faſt nichts von dieſer immerhin wunderbaren Thatſache weiß. Jeder Franzoſe dagegen kennt ſeinen Ab, welcher der erſte war, der Taubſtumme unterrichtete, und die Liebe und Verehrung ſeiner Landsleute hat ihm in Verſailles ein Denkmal aus Erz errichtet, das aller Welt beweiſt, wie hoch ſie dieſen Wohlthäter der Menſchheit ſchätzen. Und Samuel Heinicke, der wenigſtens im Erfolge ungleich größere Verdienſte aufzuweiſen hatte? Vielleicht, daß jede Taubſtummen⸗Anſtalt ſein Bild beſitzt; aber über die Anſtaltsräume und Fachmänner hinaus iſt er kaum gekannt und genannt. So iſt es heute, ſo war es auch bald nach dem Jahre 1778, in welchem Heinicke ſeine herrliche Thätigkeit in Leipzig begonnen hatte. Man kannte bald weder Heinicke noch ſeine Methode in weiteren Kreiſen; und doch wäre die Verbreitung dieſer Methode ſo ſegensreich geweſen,