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aufatmeten, brachten alsbald von weit und breit die Vornehmen und Reichen ihre unglücklichen Kinder nach jenem einſamen Dorfe und ſo entſtand das erſte Taubſtummen⸗Inſtitut in Deutſchland.
Samuel Heinicke hatte nunmehr ſeine große Lebens⸗ aufgabe erkannt; er gab ſeine Cantorſtelle in Eppendorf auf und folgte(1778) dem Rufe des Kurfürſten Johann Friedrich von Sachſen, welcher ihm Leipzig zum Wohnſitze anwies und ihm einen jährlichen Gehalt von 400 Thalern bewilligte. Hier in Leipzig bildete Heinicke ſeine Sprech⸗ und Sprachmethode aus; und als am 14. April 1878 dieſe erſte deutſche Tanbſlummen⸗ Anſtalt ihr 100 jähriges Beſtehen feierte, konnte ſie mit Stolz auf eine ruhmreiche Vergangenheit zurückſchauen. Noch S. Heinicke durfte es mit Genugthuung und Freude erleben, daß am 2. Dezember 1788 durch ſeinen Schwiegerſohn Ernſt Adolf Eſchke in Berlin die erſte preußiſche Taubſtummen⸗Anſtalt nach ſeiner Methode gegründet wurde. Eſchke's Schwiegerſohn wiederum, der Director Dr. Graßhoff, ſtellte ſich(von 1813 ab) die ſchöne Aufgabe, Taubſtummenlehrer heranzubilden; und dieſe wirkten als Jünger Samuel Heinicke's zum Heile der Taub⸗ ſtummen in allen Landen.
Paris und Leipzig— vor 100 Jahren auf der ganzen Erde die einzigen Bildungsſtätten für Taubſtumme! Welche großen Fortſchritte ſind ſeitdem errungen! Wir zählen heute in allen Ländern zuſammen wohl 1000 Taubſtummen⸗Anſtalten. Neben der Berliner Anſtalt betrieb auch die Pariſer Anſtalt das Werk der Ausbreitung der Taubſtummenbildung. Wohl durfte die franzöſiſche Schule ſich rühmen, zunächſt mehr Anhänger gewonnen zu haben als die deutſche Schule; denn die franzö⸗ ſiſche Methode galt als einfacher, bequemer und es mochte die Geberdenſprache bei oberflächlicher Beurtheilung dem Stand⸗ punkte des Taubſtummen angemeſſener erſcheinen, während die deutſche Methode nur im Schweiße des Angeſichts, mühſam die ſpärlichen Funken des Geiſtes im Taubſtummen weckt und nicht ſogleich und auch nicht immer glänzende Proben ihrer Arbeit zu liefern im Stande war.
Aber die herrliche Thatſache:„Der Taubſtumme redet!“


