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ſprach er das erlöſende Wort für die Taubſtummen in dem Grundſatze aus:„Der Taubſtumme muß und kann auf dem Wege der Lautirmethode nicht allein zum Sprechen der Ton⸗ und Lautſprache, ſondern auch zum Verſtändniſſe der durch die Sprache bezeich⸗ neten Begriffe gebracht und dadurch dem Verkehr mit den vollſinnigen Menſchen wieder zugeführt werden.“
Mit dieſem Grundgedanken ſeiner Unterrichtsweiſe wurde Samuel Heinicke der Begründer der ſogenannten deutſchen Methode.
„Das Wort ſie ſollen laſſen ſtahn!“ rief Dr. M. Luther mutig im religiöſen Sinne der ihm feindlich geſinnten römiſchen Hierarchie entgegen; und in ſeinem Sinne als Lehrer der Taubſtummen, als Miſſionar der Verlorenen im eigenen Vaterlande, als Apoſtel der Menſchheit mochte Samuel Heinicke im Streite mit dem ſonſt überans edlen Abbé de l'Epée und ſeinen ſonſtigen Gegnern:„Das Wort ſie ſollen laſſen ſtahn!“ bis an ſein Lebensende unbeirrt betonen!
Samuel Heinicke war der Sohn eines Bauern und ſollte nach dem Willen ſeines Vaters ſpäter einmal deſſen kleines Landgut übernehmen. Er zog es jedoch vor, Soldat in Dresden zu werden, und hier war es, wo er nach Dr. Ammann's Grund⸗ ſätzen die erſten Unterrichtsverſuche mit einem Taubſtummen an⸗ ſtellte. Allein der Ausbruch des ſiebenjährigen Krieges hemmte die Fortſetzung dieſes Unterrichtes.— Nachdem Samuel Heinicke ſodann im Laufe des Krieges bei Pirna durch Preußens König mitgefangen worden, entfloh er aus der Gefangenſchaft und gelangte auf mancherlei Irrpfaden nach Eppendorf bei Hamburg.(1768.) Als Cantor von Eppendorf unterrichtete Samuel Heinicke wiederum einen taubſtummen Knaben im Sprechen und förderte denſelben insbeſondere in religiöſer Hinſicht derartig, daß derſelbe confirmirt werden konnte. Dieſer unerhörte Erfolg erregte Aufſehen. Alle großen Zeitungen Deutſchlands berichteten von dieſem„Wunder“ und lenkten dadurch die öffent⸗ liche Aufmerkſamkeit auf den Cantor von Eppendorf. Indem die Eltern taubſtummer Kinder bei dieſer Kunde hoffnungsvoll


