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kleine Schaar von Taubſtummen um ſich verſammelt und aus dieſer kleinen Schaar erwuchs im Laufe der Jahre eine große Anſtalt, deren ganze Sorge er allein wie ein Vater auf ſich lud. Die mildthätigen Beiträge vergrößerten ſich aber nicht in dem Maße, wie das Bedürfnis ſtieg, und ſo kam es denn, daß der Abbé de l'Epée ſein ganzes Vermögen, welches immerhin eine Rente von 12,000 Fr. jährlich abgeworfen hatte, ſeinen lieben armen Taubſtummen zum Opfer brachte. Gewiß, es macht einen unausſprechlich ehrfurchtgebietenden Eindruck, wenn wir vernehmen, daß er, der Greis, der wohl fürſtlich hätte leben mögen, zum Wohle ſeiner taubſtummen Pfleglinge freiwillig in die bitterſte Armut, Hunger und Froſt nicht ausgeſchloſſen, herabſtieg. Als er ſtarb, betrauerten ihn die Taubſtummen Frankreichs wie einen Vater..
Den Unterricht, der alle Gebiete menſchlichen Wiſſens um⸗ faßte, erteilte der Abbé de l'Epée in der Geberdenſprache und wurde hierdurch der Begründer der ſogenannten franzöſi⸗ ſchen Schule. Die Geberdenſprache ſchuf er auf die Weiſe, daß die jedem Menſchen geläufigen natürlichen Geberden zu künſtlichen Geberden fortgebildet wurden, ſo daß es möglich war, jedes Wort der Landesſprache mit einer entſprechenden Ge⸗ berde zu decken.
Freilich entſtummte dieſe Methode den Taubſtummen nicht; ſie machte ihn vielmehr nur zu einem ewig ſtillen Denker, der zugleich befähigt war, ſeine Gedanken durch die Schrift mit⸗ zuteilen. Die Hauptäußerung des Taubſtummen blieb die Ge⸗ berdenſprache und durch dieſe vermochte derſelbe nur mit ſeinen Lehrern und mit ſeinen Unglücksgenoſſen zu verkehren; der übrigen Menſchheit blieb er nach wie vor entfremdet. Aber der Tierheit dumpfe Schranke fiel: der Taubſtumme war ein geſitteter Menſch geworden.
Kurze Zeit nach dem Auftreten des Abbé de l'Epée in Paris war es in Deutſchland ein Mann, der ſich die höchſten Verdienſte um die Sache der Taubſtummen erwarb: Es war Samuel Heinicke, geb. im Dorfe Nautzſchütz bei Weißenfels an der Saale am 10. April 1729 und geſtorben zu Leipzig am 30. April 1790. Im Gegenſatz zur franzöſiſchen Schule


