Aufsatz 
Festschrift zur Jubiläumsfeier des 50jährigen Bestehens des Großherzoglichen Taubstummen-Instituts zu Friedberg : 21. Mai 1887 ; und als Einladung zu derselben / hrsg. von Wodaege
Entstehung
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Bulwer, wie deſſen Briefwechſel mit Ammann bekundet, das Intereſſe für die Taubſtummenſache.

Aber zur herrlichen Blüte gelangte der Taubſtummen⸗Unter⸗ richt erſt auf dem Boden Frankreichs und Deutſchlands: dort war es der Abbé Charles Michael de l'Epée, hier Samnel Heinicke: zwei glänzende Namen, die nimmer ver⸗ ſchwinden werden, ſo lange es Menſchen gibt, welche das harteSchickſalihrer leidenden Brüdermildern wollen.

Der Abbé de lEpée(geb. am 25. Nov. 1712, geſt. den 23. Dez. 1789) hatte aus innerem Herzensdrange ſich für den Prieſterſtand entſchieden. In faſt noch jugendlichem Alter erhielt er die Prieſterweihe. Sein Vater indeſſen wünſchte, daß er Juriſt werde. Als gehorſamer Sohn erfüllte er dieſen Wunſch, ſtudirte die Jurisprudenz und wurde Advokat. Doch ſein Herz fühlte ſich durch den ewigen Kampf der Parteien von dieſem Berufe abgeſtoßen, ſo daß der milde Mann wieder zur Theologie zurückkehrte. Als er nach kurzer Zeit wegen Hinneigung zum Janſenismus von ſeinem Biſchof des Pfarramtes entſetzt wurde, lebte er als Privatmann in Paris und ſein Name wäre gewiß vergeſſen worden, wenn nicht die allgütige Vorſehung ihn zu einem hervorragenden Rüſtzeuge im Gebiete des Taubſtummen⸗ Unterrichts erſehen hätte.

Auf einem Spaziergange war es, als der Abbé de l'Epée eine Wohnung betrat, in welcher er zwei jugendfriſche Mädchen mit Handarbeiten beſchäftigt fand. Dieſelben begrüßten ihn zwar freundlich, aber ſchweigend und nahmen ſodann keine weitere Rückſicht auf ihn. Alle ſeine Fragen blieben unbeantwortet, ſo daß er endlich über die vermeintliche Unart der beiden Mädchen unwillig das Zimmer verließ. Im Hausgang traf er deren Mutter, und als er derſelben ſeinen Unwillen über das unartige Benehmen ihrer Töchter ausdrückte, gab ſie unter bitteren Tränen die Antwort:Meine Kinder haben keine Schuld an dieſem Be⸗ tragen: ſie ſind taubſtumm! Dieſe Auskunft ſchlug dem Abbé de l'Epée wie ein Blitz in's Herz und von Stund' an widmete er ſein Leben, ſowie ſein nicht unbeträchtliches Vermögen dem Unterrichte der Tanbſtummen(1760). Bald hatte er eine