7 Mund auf für die Stummen und füjr die Sache aller, die verlaſſen ſind.(Sprüchw. 31, 8.)
Allein das Wahre und Gute dringt nicht immer durch das ganze Volksleben; ſo bildete ſich neben jenen herrlichen Aus⸗ ſprüchen zugleich das Vorurteil aus, daß der Taubſtumme ein von Gott„Verfluchter“ und„Gezeichneter“ ſei.
Nicht blos das alte Judentum hiug dieſem abergläubiſchen Vorurteile nach; es drang dieſes Vorurteil leider auch in die chriſtlichen Jahrhunderte hinein und beherrſchte mit unbegreiflicher Gewalt das ganze chriſtliche Mittelalter und die erſten Jahr⸗ hunderte der Neuzeit.„Das Brechen des Mundes“, wie man das Sprechenlehren des Taubſtummen nannte, wurde von Prieſtern und Mönchen als ein Eingriff in den Willen der Vorſehung be⸗ trachtet. Der Taubſtumme, ſo meinte man in unerhörtem Wahne, ſei ein lebender Zeuge dafür, wie der gerechte Gott die Sünde beſtrafe. Als abſchreckendes Beiſpiel müſſe derſelbe der Menſch⸗ heit vor Augen bleiben. Scheiterhaufen, Galgen und Schwert in den Händen der unermüdlichen Inquiſitionstribunale ſorgten denn auch redlich dafür, daß die„Hexenmeiſter“, wie man die Taubſtummenlehrer nannte, vernichtet wurden, daß Menſchenwahn über Chriſti Vorſchrift: Es ſolle allen Menſchen geholfen werden! daß Menſcheuwahn über ächte Humanität, gemäß welcher auch der Geringſten keiner zu vernachläſſigen iſt, ſiegte.
So wütend auch die Inquiſition, beſonders in Spanien, ihre wahnwitzigen Beſtrebungen zur Ausführung brachte, ſo war es doch gerade letzteres Land, in welchem die erſten Keime des Taubſtummen⸗AUnterrichtes eine fröhliche Ernte verhießen. Allein die Mönche, welche ſich der unglücklichen Taubſtummen unter⸗ richtend annahmen, durften dies ihr barmherziges Werk nicht öffentlich betreiben; um die Inquiſitoren zu täuſchen, gaben ſie dem Unterrichte einen mit einer religiöſen Weihe verbundenen mediciniſchen Anſtrich. Man gab dem Taubſtummen zum Zwecke der Purganz einen Extract von Nießwurz und Lerchenſporn ein, ſchnitt ihm eine Prieſtertonſur, beſtrich dieſelbe mit einer Salbe aus Mandelöl und Lilienwaſſer und dann lehrte man ihn ſprechen, indem man die Laute auf die kahle Stelle des Kopfwirbels ſchrie.


