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ſah es da um die Taubſtummen aus? Als lebendige Zeugen für jene Zeiten erſcheinen uns die Taubſtummen, welche auch in unſeren Tagen noch in ganz ungebildetem Zuſtande hie und da auftreten. Entſetzen ergreift den wahren Menſchenfreund, wenn er eine Menſchengeſtalt erblickt, in welcher ein verkümmerter Geiſt ſich kaum über den Standpunkt der Tierwelt erhebt. Un⸗ bekannt iſt einem ungebildeten Taubſtummen ſelbſt ſein eigener Name, unbekannt iſt ihm der Name ſeiner Heimat; alle ſittlichen Begriffe ſind ihm fremd, fremd iſt ihm jede religiöſe Erkenntnis! Jede Sprache ſtellt ſich dem Taubſtummen dar wie ein Buch mit ſieben Siegeln! Nimmer hat ja der ſüße Ton der Mutter⸗ ſprache ſeine öde Seele auch nur im geringſten berührt! Iſt dieſe Erſcheinung noch ein Menſch?— Und doch iſt der Taub⸗ ſtumme ein Menſch, der Gottes Ebenbild trägt wie wir alle und die Fähigkeit zur höchſten geiſtigen Entwickelung in ſprachlicher Form beſitzt. Aber er iſt ein Menſch, der die Jahrtauſende ver⸗ kannt wurde, ein Menſch, den ſelbſt die chriſtlichen Jahrhunderte bis in die neueſte Zeit hinein unbeachtet verkommen ließen.
Der Grund für dieſe betrübende, die Menſchheit faſt ent⸗ ehrende Thatſache liegt darin, daß man, ſoweit die Geſchichte reicht, des Taubſtummen Fähigkeiten nicht zu beurteilen wußte. Selbſt ein Ariſtoteles konnte ſich täuſchen. Aus philoſophiſchen Gründen ſtellte er mit einem Taubſtummen Unterſuchungen an. Allein wir können uns dieſes Verhör des Philoſophen mit einem ungebildeten Taubſtummen— denn nur von einem ſolchen konnte in dem damaligen Zeitalter die Rede ſein— lebhaft vorſtellen, wenn wir nur an Gerichtsverhandlungen unſerer Tage denken, bei welchen ganz ungebildete Taubſtumme zu ver⸗ nehmen ſind. Für den Fachmann ſchon iſt es keine leichte Auf⸗ gabe, einen ſolchen Taubſtummen in ſeiner verwirrten und dazu armen Gedankenwelt auszuforſchen. Wie aber konnte der unglück⸗ liche Taubſtumme den Philoſophen verſtehen? Stumm und ſtarr wird er den Philoſophen angeblickt, vielleicht auch ein blödes Lächeln gezeigt haben,— und ſo mußte aus dem Munde des großen Philoſophen ſehr bald das harte Wort fallen: KHοs: der Taubſtumme iſt ſtumpf⸗, ja blödſinnig. Kο/ Mit dieſem Worte des Ariſtoteles war das Urteil über die Taubſtummen


