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Die folgende Seite des Blattes zeigt uns die beiden Riesen in ihrem vollsten Glanze abgebildet, nur die Waffen sind bei Seite gelegt, und zwischen ihnen eine Riesenschildkröte, die aufgerichtet am Gespräch teilnimmt. Gog hält ein gedrucktes Blatt mit der Aufschrift„City Reform“ in der Hand, das er eben, ohne rechtes Verständnis, gelesen. Links steht Magog, macht ein bedenklich langes Gesicht und dreht verlegen die Daumen; er hat offenbar das Schriftstück verstanden, und die geplante Neuerung ist gar nicht nach seinem Geschmacke, wie denn überhaupt die Corporation, deren Vertreter die Riesen hier sind, oft als der Typus des hartnäckigen Festhaltens am Alther- gebrachten, auch wenn dasselbe sich überlebt hat, erscheint. Darunter folgende Unterhaltung:
„The Voice of the PTurtle.“
Gog.„What's all this here about, Brother Magog?“ Magog.„They wants to enlarge the„Corporation', Brother Gog!“ Turtle.„Enlarge the Corporation?— Ha! Ha! They can't do that without me!“
Das Gespräch spielt an auf den starken Verbrauch von Schildkrötensuppe beim Festessen des Lord Mayor. Die Schildkröte hat also in der That ein gewichtiges Wort mitzureden, und bis jetzt ist die geplante Reform auch nicht zur Ausführung gekommen.
Bei dem bedeutenden Wiederschein, den die lebhafte religiöse Bewegung Englands in seiner Litteratur findet, ist es leicht verständlich, daſs auch die biblischen Gestalten Gog und Magog in der Litteratur, vor allem der theologischen, wiederkehren.
Mit diesen Gestalten aus der heiligen Schrift, alten und neuen Testaments, stehen in engster Beziehung die mittelalterlichen Sagen von Gog und Magog, als einem wilden und gottlosen Volke, welches vor dem jüngsten Gericht als ein Werkzeug feindseliger Mächte, einen letzten Widerstand gegen die göttliche Macht versucht. Diese Vorstellungen, welche im Anschluſs an Hesekiel und die Apokalypse, einen lebhaften Wiederhall in der apokryphischen Litteratur, in der mittelalterlichen Sagenlitteratur von den letzten Dingen, vom Antichrist und von der Sibylle, und in der vielverbreiteten Alexandersage fanden, haben auch in der modernsten Litteratur Englands ihre Stätte gefunden. Wir erinnern nur an die Stelle in Macaulay's Essay über Lord Clive, IV. p. 12 Tauchn.:„The Hungarian, in whom the trembling monks fancied that they recognised the Gog or Magog of prophecy, carried back the plunder of the cities of Lombardy to the depth of the Pannonian forests“, ganz ähnlich den Worten, die Giesebrecht von dem Einfall der Magyaren im Jahre 908 gebraucht:„Sie meinten, es seien die Völker Gog und Magog, die vom Ende der Welt kämen, um Alles von Grund aus zu vernichten.“
In welchem Zusammenhange die Riesen der Guildhall mit diesen Gestalten der Bibel und. der mittelalterlichen Sagen stehen, wird die weitere Untersuchung zu zeigen haben. Wir beschäftigen uns zunächst mit den Riesen der Guildhall..
Wir haben gesehen, und die Beispiele lieſsen sich leicht vermehren, daſs die englische- Litteratur und das englische Volksleben in häufiger Wiederkehr diese Gestalten zeigen, und man findet auch nicht selten die Erwähnung der„bekannten und berühmten Riesen von Guildhall.“ Auffälligerweise sind in den gewöhnlichen Handbüchern diese Gestalten entweder nur mangelhaft erwähmt, oder es ist doch nicht in genügender Weise auseinandergesetzt, ob und welche Be- rührungspunkte zwischen ihnen und den biblischen und den mittelalterlichesagenhaften Gog und Magog bestehen,


