werden, daß die taurische Iphigenie, Alcestis und die Bacchen wohl geeignet sind. Nur läßt sich das Bedenken nicht unterdrücken, ob nicht Sophocles unsrer Jugend mehr zu bieten hat, als der oft so modern anmutende Euripides. Dagegen möchte ich auf eine Tragödie hinweisen, d ie außerordentlich als Schullektüre sich empfiehlt, Aeschylus' Prometheus. Hier sind die Chorpartieen sehr beschränkt, der Dialog bietet außer zahlreichen Vokabeln keine Schwierig- keiten, und nur die Erklärung ist nicht ganz leicht, insofern die Ausleger oft blühenden Unsinn herausgelesen haben. Wenn es dem Lehrer gelingt, zu voller Klarheit durchzudringen, so wird ihn der Versuch mit einer guten Oberprima nicht reuen. Von der Orestie freilich muß ebenso abgesehen werden, wie von Aristophanes. Aber nach einer andern Seite kann man noch den Primanern einen Einblick in die Entwicklung der griechischen Literatur verstatten, wenn man einige Elegiker und auch Stücke der Lyriker, soweit sie namentlich mit Horaz zusammenhängen, liest. Es kann dies allerdings nur Zukost zu der regelmäßigen Klassenlektüre sein, wird aber gewiß dankbar empfunden werden, zumal wenn man Vertretungsstunden und andre schickliche Gelegenheiten verwendet, damit die eigentliche Arbeit nicht darunter leidet. Ich erinnere mich, daß wir unter dem trefflichen Rehdantz nach der brauchbaren Anthologie von Stoll uns sogar an die Adoniazusen Theocrits gewagt haben, zur größten Freude der Schüler.
Doch es bleibt noch immer ein übergroßer Teil der hellenischen Literatur übrig, von der wir der Jugend gern eine deutliche Vorstellung vermitteln möchten. Da bietet sich dieselbe Möglichkeit, deren ich bei der lateinischen Literatur gedacht habe, das Kränzchen, d. h. die wirklich freiwillige Privatlektüre in Gesellschaft des Lehrers. Es darf dies keine Schulstunde sein; die Meldungen müssen aus freien Stücken erfolgen, unter der Voraussetzung, daß schwache und mäßig begabte Schüler so viel Selbsterkenntnis besitzen, daß sie sich nicht melden werden. Die Sitzungen dürfen nicht in der Schulklasse stattfinden, und der ganze Ton der gemeinsamen Lektüre muß auf diese Voraussetzungen gestimmt sein. Ich habe im vorigen Schuljahr von 23 Oberprimanern 9 für ein solches Kränzchen im Winter gewonnen und Aeschylus' Prometheus sowie Euripides' Taurische Iphigenie gelesen; meine Absicht, danach des Aristophanes Frösche zu lesen, scheiterte an dem bekannten Aberglauben auch der besten Schüler, daß sie zur Reifeprüfung eine besondere Vorbereitung nötig zu haben glauben. Das wird nicht eher anders werden, als bis wir uns entschließen, auf die Fächer in der Prüfung zu verzichten, die am ehesten zum Memorieren und Repetieren antreiben, Religion und Geschichte. Im übrigen hoffe ich, daß alle Teilnehmer an die Stunden gemeinsamer Lektüre gern zurückdenken. Auch in der Prüfung konnten einige von der gewonnenen Erkenntnis ein erfreuliches Zeugnis ablegen. Im letzten Schuljahr hatte ich eine Latina begründet, und zwar von 15 Oberprimanern 7 Teilnehmer und habe mit ihnen gelesen: Plautus' Trinummus, Auswahl aus Catull und ab- geschlossene Stücke des jüngeren Plinius und Seneca nach der Anthologie der silbernen Latinität von Opitz und Weinhold(Heft 2 und 3).
Zu solchen Versuchen, die gewiß auch anderswo gemacht worden sind, möchte diese Mitteilung anregen, die ja auch bis zu einem gewissen Grade dem Wunsch nach freierer Be- wegung in der obersten Klasse entspricht. Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch in andern Fächern ähnliche Versuche unternommen werden. Schon seit Jahren führe ich die Unter- primaner mit Hülfe der hiesigen Gipsabgußsammlung propädeutisch in die Archäologie ein. Und so lassen sich noch mancherlei Weisen denken, wie man den Gesichtskreis der reiferen Schüler erweitern und ihr Interesse wecken und vertiefen kann. Daß dabei auch UÜbertreibungen unterlaufen können, wie Morsch neulich im Korrespondenzblatt richtig ausgeführt hat, darf ja nicht abschrecken; abusus non tollit usum.
Man wird den vorstehenden Vorschlägen nicht absprechen können, daß sie weitherzig und elastisch sind, wie es die zu Anfang aufgestellten Forderungen für wünschenswert erklärten. Sie bieten Gelegenheit zur Abwechselung und Betätigung besonderer Wünsche. Auch dürfen sie nicht der UÜberspannung des Ziels geziehen werden; denn sie haben nahezu alle die Feuer- probe in der Klasse bestanden; entweder habe ich selbst die empfohlenen Schriftsteller mit Schülern gelesen oder ihre Lektüre angeregt und beobachtet. Es bleibt übrig, den Kanon übersichtlich zusammenzustellen.
Im Lateinischen genügt für Sexta und Quinta ein Lesebuch sagenhaften oder historischen Inhalts, außerdem Fabeln.


