Aufsatz 
Nachträge und Berichtigungen zu dem Verzeichnis der Abiturienten im Jahresbericht von 1911 / von Friedrich Engelhardt
Entstehung
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27 Kapitel gelesen haben muß; warum Leo widerspricht, habe ich nicht verstanden. Dazu die Germanenkriege und Anfänge des Tiberius und das bellum Batavorum aus den Historien. Weiter wüßte ich nichts zu nennen. Oder sollte der Untergang der Messalina oder der Agrippina eine angemessene Jugendlektüre sein? Oder der Einblick in eine angebliche Verfallzeit, die nicht einmal mit historischer Treue dargestellt ist? Was den gereiften Leser in dieser grandiosen Darstellung reizt, ist für den frischen Jüngling ganz ungeeignet und ihm hoffentlich ebenso unverständlich wie Catulls Lesbia.

Der Dichter der Prima ist Horaz, nicht Plautus, nicht Lucrez, nicht Catull. Man mag spotten über die Oden, dieLieblinge unsrer alten Herren. Wer die Oden richtig versteht und liest, wird schon den Spott aufgeben. Wir sind ja wohl so ziemlich klar über den klarsten Dichter Roms und haben die Bocksprünge einer sinnlos gewordenen Gelehrsamkeit vergessen. Jedenfalls kann man ihn der Jugend nahe bringen, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten. Die wundervolle Klarheit des liebenswürdigen Manpes, seine vergleichsweise geringe Sinnlichkeit, seine ethische Richtung, die niemals den Schulmeister spielt, der ent- zückende Humor, den freilich nicht jedermann findet, die Fülle der Metren, der überquellende Reichtum an griechischen Reminiszenzen, vermischt mit einem guten Stück römischer Originalität, alles das und noch viel mehr macht ihn zum Jugenddichter ersten Ranges. Uber die Satiren und Episteln ist man ja einig und wird von ihnen so viel wie möglich lesen. Aber man lasse die Oden nicht in den Hintergrund treten, sowohl die ethischen wie die patriotischen, sie sind heute eine sehr gesunde und zeitgemässe Lektüre. In den sogenannten Römeroden stehen national-ethischer Gehalt und metrisch-sprachliche Ausgestaltung auf einer hohen Stufe. Und vor allem, diesen Dichter kann der Schüler sich nahezu ganz zu eigen machen, und das ist besser, als aus einer Anthologie sechs Dichter aus einzelnen Bruchstücken nicht kennen lernen. Das Einfache und Gediegene ist für die Jugend das Beste, aber nicht das Bunte und Schillernde. Das lernen die Jünglinge noch frühe genug im heillosen Feuilleton unsrer Zeitungen.

Und mehr Platz hat der Lektionsplan nicht übrig, und es ist noch so viel übrig: Plautus, Lucrez, Catull, Tibull, Seneca, Plinius minor, Quintilian, Sueton. Alle diese Schrift- steller sind empfehlenswert, wenn auch in verschiedenem Maße. Es ist durchweg, bildlich gesprochen, mehr Kuchen als Brot. Und auch dafür wollen wir versuchen ein Plätzchen ausfindig zu machen. Zunächst verweisen wir den Tibull zu gelegentlicher Bekanntschaft nach Obersekunda, den Catull nach Oberprima zum Vergleich mit Horaz, nach Schillers Anleitung (Uber naive und sentimentalische Dichtung). Sueton wollen wir lieber streichen; solche Akten- menschen lernt jeder genug kennen. Quintilian ist für Lehrer ganz gut, für den Schüler ist Cicero besser, weil echter. Und die übrigen weisen wir der Privatlektüre zu, der echten, freiwilligen. Alle Mittwoch z. B. versammelt sich die erste Hälfte der Oberprima in der Wohnung des Lateinlehrers(vielleicht ist es der Direktor) und liest da in freier Beteiligung Plautus und Lucrez und den braven Plinius, und meinetwegen auch den espritvollen Seneca. oder was sonst gefällt. Das ist meines Erachtens der einfachste Weg, den Kanon zu erweitern, ohne notwendige Aufgaben zu vernachlässigen, und das ist auch der richtige Weg zur freieren Gestaltung des Unterrichts. Sonst will ich von Privatlektüre nichts wissen, die gar zu leicht in Schlamperei und unordentliches Wesen ausartet. Was sonst ein Primaner im stillen Kämmerlein liest, ist seine Sache. Aber eine obligatorische Privatlektüre ist ein logischer Unsinn.

Für das Griechische auf der obersten Stufe bietet sich eine schier erdrückende Fülle edelster Lektüre. Neuerdings hat man diese noch zu vermehren gesucht, indem man auf den hellenistischen Teil der griechischen Literatur hinwies. Nun haben wir uns nicht ganz ab- lehnend gegen dies spätere Griechisch verhalten; Arrian und Plutarch sind vorher für Unter- und Obersekunda empfohlen. Aber im Prinzip sollte unter Pädagogen kein Streit darüber herrschen, ob die hellenische oder die hellenistische Literatur für die Zwecke der Jugend- literatur geeigneter sei. Freilich kommt man uns mit dem Begriff des Klassizismus und redet uns auf, uns schwebte ein trügerisches Ideal vor Augen, das niemals im historischen Griechen- land existiert habe und nur von beschränkten Schulmeistern der Jugend vorgetäuscht werde. Solche Verkehrtheit mag in Einzelfällen bestanden haben; die Verallgemeinerung, wie sie besonders Wilamowitz mit unwissenschaftlicher Gereiztheit zu behaupten liebt, entspricht nicht den Tatsachen, würde auch, wenn sie berechtigt wäre, ein schlimmes Urteil den philologischen