Aufsatz 
Nachträge und Berichtigungen zu dem Verzeichnis der Abiturienten im Jahresbericht von 1911 / von Friedrich Engelhardt
Entstehung
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einen festen Besitz nicht vermittelt. Früher freilich war eine Chrestomathie in Gebrauch, die dieser Tadel nicht trifft. Sie betraf aber nicht den griechischen Unterricht, sondern den in der Geschichte, das historische Quellenbuch von Baumeister und Weidner, ein schöner Ge- danke, der an der Knappheit der Zeit schon damals scheiterte, jetzt aber ganz unmöglich ist. Endlich der Dichter der Klasse, Homers Odyssee, die leider nur zum geringeren Teile gelesen werden kann, da das Griechische erst in Untertertia, nicht in Quarta beginnt. In unserer Jugend war es wirklich noch möglich, den größeren Teil der Odyssee zu lesen, jetzt muß man sich zuhalten, wenn man die schönsten Bücher vermitteln will. Immerhin wirkt auch das, was gelesen wird. Es ist grundverkehrt, wenn ein bekannter Gelehrter, der sich freilich die Liebe zum Homer weggeforscht hat, meint, Homer passe für Knaben, nicht für Jünglinge. Für Goethe paßte er ja wohl, und so möchte man auch hier das Bibelwort anwenden: So Ihr nicht werdet wie die Kinder. Die Auswahl liegt hier auf der Hand. Nur findet sich auch in dem Ausgelassenen so viel Lesenswertes, daß man versuchen sollte, die Privatlektüre heranzuziehen, die freiwillige, nicht die erzwungene, von der nachher zu sprechen ist.

Wir stehen an der Schwelle der Prima, und hier überfällt uns beängstigend die Fülle des Materials, während wir vorher eher über Knappheit zu klagen hatten. Im Latein ist eine größere Rede Ciceros unzweifelhaft ein guter Lesestoff, und wir haben eine große Auswahl: die vierte oder fünfte Verrine, die früher für Obersekunda angesetzt wurde, die Sestiana, die Miloniana, pro Plancio, pro Murena, aber nicht die greuliche zweite Philippica, die sich mit seltsamer Zähigkeit auf dem Programm erbält, während die erste und siebente mehr nach Obersekunda gehört; auf letztere habe ich bereits vor Leo aufmerksam gemacht, der noch die sechste und neunte zufügt. Für meine Person muß ich gestehen, daß ich von der Lektüre der großen Reden abgekommen bin, obwohl ich sie im Prinzip nicht verwerfe. Aber ihre Länge ist hinderlich, so daß die Lesung sich über viele Wochen hindehnt, was die Wirkung beeinträchtigt, während die kürzeren Reden gut zu übersehen und so sehr lesbar sind. Und Cicero bietet so unermeßlich viel. Ich bekenne mich als einen großen Verehrer der philo- sophischen Schriften, nicht der Chrestomathie, wenn sie auch ein Weißenfels besorgt hat, sondern des Volltextes. Sie sind fast alle zu brauchen und gewähren eine schöne Abwechselung: die Tusculanen, de officiis, de natura deorum, auch bei einer guten Klasse de finibus, Cato ist bereits erwähnt, Lälius schätze ich weniger. Freilich kann man die Schriften schrecklich mißhandeln und ihre Lektüre zur Qual machen. Wenn man sie aber richtig erklärt und die Resultate griechischer Philosophie hinzunimmt, auch häufig Ausflüge auf das Gebiet der formalen Logik macht, das Originale mit dem griechischen Vorbild vergleicht, so hat man nicht oft eine bessere Jugendlektüre. Auch dienen sie zugleich als vorzügliche Stilmuster und Examens- vorlagen. Man kann bei richtiger Behandlung den Primaner dahin bringen, daß er die Offizien glatt extemporiert, und wer dieses Ziel erreicht hat, kann zufrieden sein. Man muß freilich den Reiz des Stils selbst empfinden, den oft jugendlichen Aufschwung, die Anmut der Er- zählung, dann kann man auch die Schüler dafür gewinnen. Denn der Schüler muß zunächst nach- und anempfinden, ehe er selbst empfindet, was bei unsern norddeutschen Jünglingen viel später konmmt, als sich unsre Astheten einbilden. Und dauzu die rhetorischen Schriften, die nicht Fachbücher, sondern Bildungsschriften sind; ja, was will man denn für bessere Jugend- lektüre finden? Eine Schrift müßte gelesen werden, alle drei verdienen es; de oratore mit Auswahl, Orator bis auf den Schluß, Brutus mit starken Auslassungen. Endlich die Briefe, die einen festen Platz in der Unterprima verdienen, auch sie nicht immer leicht; aber der Lehrer ist ja da und hat die Verpflichtung, über größere Schwierigkeiten hinwegzuführen. Das ablehnende Urteil von Weißenfels ist mir immer unverständlich geblieben; denn nirgends in der ganzen Literatur kann man den Römern tiefer ins Herz sehen, und einem ihrer besten Männer am tiefsten. Cicero nimmt viel Platz ein, aber für Tacitus muß er Zeit lassen und recht viel sogar für Horaz. Manche Schulmänner möchten ausschließlich Tacitus in Prima als Prosaiker lesen. Nichts ist verkehrter; sie verwechseln ihre Liebhaberei mit dem wahren Bedürfnis der Jugend. Tacitus darf sogar nur mit Vorsicht gelesen werden, weil er ganz unjugendlich ist. Am jugendlichsten ist er im Dialogus, wenn diese Schrift von ihm stammt, was ich nicht glaube; aber sie ist eine vorzügliche Lektüre. Dann der liebenswürdige, aber unbedeutende Agricola, auf den ich keinen Wert lege, die Germania, von der jeder die ersten