12
Im Griechischen kann Xenophon noch ein Jahr lang seinen Platz mit Ehren behaupten. Die Anabasis wird jetzt flotter gelesen und danach die Hellenica, I. und II. Buch; es sind die Erzählungen vom Ausgang des großen Krieges und der Befreiung Athens eine fesselnde und leichte Lektüre. Ob der Verfasser immer das Richtige trifft, stört die Schule gar nicht. Aber wem einmal Xenophon zu trocken geworden ist, den möchte ich auf seinen Nachahmer Arrian hinweisen, dessen Kriegsgeschichten die Schüler gern und ohne große Mühe lesen, besonders die hübschen Indica. Es gibt ja keine bessere Jugendlektüre als der abenteuerliche Zug des großen Königs ins indische Fabelland, und es ist gut, wenn die welthistorische Persönlichkeit Alexanders einen stattlichen Raum in der Schule einnimmt. Die Gelehrsamkeit darf uns nicht mit der Einrede kommen, daß Arrian ein Nachahmer Xenophons sei und daher ohne Originalität. Solche Kriterien können die Auswahl der Schullektüre nicht bestimmen und tragen dem Bedürfnis des Schülers nicht Rechnuug. Man kann nur darüber in Zweifel sein, ob Arrian nach Unter- oder Obersekunda zu setzen ist. Denn hier ist allerdings die Auswahl eines attischen Schriftstellers nicht leicht. Ich kann mich weder für die Cyropädie noch für die Memorabilien erwärmen, von denen erstere Schrift in früheren Zeiten, letztere noch heute gelesen wird. Der Fürstenspiegel hat im Grunde etwas Unjugendliches, wenn auch die Paränesen des sterbenden Vaters an seine Söhne recht sympathisch anmuten und gelegentlich in schriftlichen Arbeiten verwertet werden können. Aber die Memorabilien sind öde, wenn man allenfalls von dem berühmten Mythus des Prodicus absieht. Es mag ja manches dem historischen Wesen des echten Sokrates wirklich entsprechen. Aber so ledern, so banausisch kann er nicht gewesen sein, und der Vergleich mit Plato wirkt einfach tödlich. Mag ihn lesen, wer auch diesen dürftigen Abklatsch Sokratischer Philosophie vergeistigen kann; mir ist es nie möglich gewesen. Auch dem zweiten Attiker dieser Klasse wird energisch der Krieg gemacht, wie ich glaube, mit Unrecht. Es war kein sonderlicher Held, der Freund der Kurtisane Neaera, aber er schrieb ein vorzügliches Griechisch, was sich leicht und angenehm liest, und seine Plädoyers lassen uns intime Blicke in das Leben Athens tun. Er schildert die Zeit der schweren Not und den letzten Aufschwung recht anschaulich und entwirft Charakterbilder, die überzeugen. Freilich war er Advokat und will nicht die Wahrheit suchen, und Plato hat ihm im Phädrus übel mitgespielt. Aber den heutigen, unbefangenen Leser kümmert es nicht mehr, ob seine Darstellung objektiv ist, und im allgemeinen plädiert er für die moralischen Ideen. Vier Reden des Lysias sind eine zweckmäßige und angenehme Schul- lektüre. Doch empfiehlt es sich, für strenger gerichtete Kritiker, zur Abwechselung auf einen Historiker hinzuweisen, der, früher die Wonne großer Geister, jetzt im Wandel der Zeiten in den Hintergrund gedrängt ist. Ich freue mich, hier, wie auch sonst, mit Schenkls Vorschlägen übereinzustimmen. Ich meine Plutarch, den Biographen, der so recht eine Lektüre für heran- wachsende Jünglinge ist. Nichts ist ja wirksamer bei historischen Studien, als die Begeisterung, die sie anregen, und Begeisterung vermag Plutarch wohl zu wecken, ohne die Wahrheit gewaltsam zu beugen. So sind denn Themistocles, Pericles, Alexander u. a. eine vorzügliche Lektüre für diese Klassenstufe. Die Abweichungen von dem strengen Attisch wird den Schülern nicht schaden. Ihr bescheidenes Quantum von griechischer Grammatik erleidet da- durch keine Anfechtung. Aber trotzdem wollen die Lehrer nicht recht an Plutarch heran. Er hat zu viel neue Vokabeln, einen abweichenden Sprachschatz, er ist schwer. Das ist das Zauberwort, das man entgegenhält, wenn zu einem neuen Versuch geraten wird. Als ob das ein Gegengrund wäre! Das Gymnasium ist überhaupt schwer, und wer schwere Arbeit scheut, sollte am Gymnasium weder lernen noch lehren. Die Präparation könnte allenfalls dadurch erleichtert werden, daß der Lehrer vorher, wie es bei der Homerlektüre lange geschieht, einige Hilfen gibt, die schlimme Steine aus dem Wege räumen. Bei den Schülern würde Plutarch Beifall finden. Der letzte Prosaiker dieser Stufe steht fest im Besitz, Herodot, dessen freudige Erzählungskunst allgemeiner Sympathie gewiß ist, ohne daß man sich an seinem Dialekt stößt, wie angeblich an dem Plutarchs. Es ist ja ein Himmelssegen, daß die Schüler einmal leibhaftig sehen, wie mannigfaltig die köstliche Sprache ist und nicht so analogisch sauber skelettiert, wie in unseren Grammatiken. Man liest gewöhnlich die letzten vier Bücher, natürlich mit verständiger Auswahl; aber man könnte auch der Abwechselung halber die anderen lesen. Nur nicht eine Chrestomathie, die hier und da zu naschen gibt und dadurch


