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wert, wenn auch die Elegie der Römer, durch die sie die Griechen übertroffen haben, dem Seckundaner bekannt würde, und einige Gedichte Ovids aus den Fasti, den Tristien und die schönsten Schöpfungen Tibulls können wohl als Abwechselung und Ergänzung neben die Aeneis treten, wie es z. B. durch die von M. Seyffert herausgegebenen Lesestücke, die auch die griechische Literatur berücksichtigen, ermöglicht wird. Aber die Bedeutung der Aeneis-Lektüre darf nicht herabgedrückt werden, die Elegiker dürfen nur eine Beigabe sein, etwa für Ver- tretungsstunden oder in einer Zeit, wo das Pensum erledigt ist. Gänzlich ungeeignet ist Catull für Sekundaner. Mag er auch der größte Lyriker Roms sein, so weht doch die Glut seiner heißen Leidenschaft, seine ungezügelte Sinnlichkeit so schwül aus seinen Liedern, daß wir sie von den Schülern, wenigstens der Sekunda, fern halten müssen. Ein oder das andre Lied läßt sich zum Vergleich mit Horaz im letzten Schuljahr heranziehen. Aber die Lesbia- Lieder gehören wirklich nicht in die Schule, zum mindesten können sie nicht den Schülern verständlich gemacht werden. Wer einmal Schüler vor sich gehabt, die angeblich Catull gelesen hatten, wird mir das bestätigen. Um dieser Konzentration willen habe ich auch von den Eklogen und den Georgica Virgils nicht gesprochen: sie reizen den Kenner, aber nicht den Schüler und verwirren ihn durch die Mannigfaltigkeit des Inhalts neben der Aeneis.
IHlier ist die Gelegenheit, von der Zulässigkeit einer oder mehrerer Chrestomathieen zu sprechen, die in den letzten 20 Jahren massenhaft ins Kraut geschossen sind. Ich trage kein Bedenken, im Gegensatz zu vielen Fachgenossen, die Chrestomathie im Prinzip abzulehnen, sowie sämtliche Ausgaben, die eine Auswahl der schönsten Stellen bieten. Zwar vor Zeiten, als es galt, dem Humanismus Freunde zu gewinnen, hatten solche Blütenlesen eine gewisse Berechtigung. So nimmt ein Kind der Mutter Brust nicht gleich willig an. In Ehren stehen die Versuche des alten Gesner und Friedrich Jacobs Attica. Aber es ist doch bezeichnend, daß wir in der Zeit, als das Gymnasium sein Ziel glatt erreichte, ich meine die Zeit Ludwig Wieses, die Schriftsteller ganz mit gelehrten Anmerkungen in die Hand bekamen, unverschnitten, wenn auch der besonnene Lehrer das gute Recht hatte, minder interessante Stellen zu übergehen oder, wie der mir unvergessliche Rehdantz tat, der Privatlektüre zu- zuweisen. Erst in der Zeit der schweren Not kamen die Chrestomathieen auf. Da wurden die philosophischen Schriften Ciceros ausgezogen, die rhetorischen nicht minder, da wurde aus Livius ein Bändchen zusammengestellt, aus der Aeneis ebenso, als ob sich der Lehrer nicht selbst aussuchen könnte, was er lesen will; da gab es Auswahl aus Plato, aus Elegikern und Lyrikern. Freilich gibt es Ausnahmen. Man kann wirklich nicht alle Briefe Ciceros dem Schüler in die Hände geben, und hier hat man es stets mit abgerundeten Stücken zu tun; ebenso ist eine Auswahl von Elegieen und Liedern sachlich zu rechtfertigen. Aber im ganzen bedeutet jenes Verfahren nur, um einen derben Vergleich zu gebrauchen, die Rosinen aus dem Kuchen pflücken. Wir sagen Kindern, die das tun, sie seien Leckermäuler, und dasselbe sage ich den Lehrern, die nur leckern und sich um das Ganze nicht kümmern wollen. Die Schule soll ganze Arbeit tun und dem Schüler den ganzen Nepos, den ganzen Homer, den ganzen Horaz in die Hände geben. Die feineren Köpfe unter den Schülern haben eine richtige Empfindung dafür, ob sie den echten Text in den Händen haben oder etwas in usum Delphini Zurechtgemachtes. Wir schätzen doch auch das früher beliebte Verfahren gering, nicht Goethe oder Schiller zu lesen, sondern Dichtergrüße und Perlen oder was sonst früher, in Goldschnitt gebunden, auf den Weihnachtstischen der höheren Töchter paradierte. Jetzt machen wir es ebenso. Schmock schreibt, wenn er es kann oder nicht kann, Brillanten, wir sollen, sit venia verbo, Brillantes lesen, während es doch keinem Schritftsteller einfällt, ein Glanzstück an das andre zu schieben; es wäre auch unerträglich. Es ist im Grunde Feuilleton- Dilettantismus, der aus solchem Gebaren spricht. In ihrer guten Zeit sind die Alten solide Leute, die der Sache dienen, die sie als recht erkannt haben. Erst Seneca fängt an, zu brillieren und uns nach moderner Weise mit seinem Geistesgefunkel zu blenden. Es ist darum charakteristisch, daß Seneca und Plinius wieder modern werden. Da ist Cicero unendlich viel gesünder und solider. Die Vergangenheit war oft weiser, als die überkluge Jetztzeit. Man kehre reumütig zu den Originalen zurück und den guten, gediegenen Kommentaren und lasse die verderblichen Hilfen und die Anmerkungen, die nicht das gründliche Studium ge- schaffen hat, sondern die Not der Zeit und die auri sacra fames.


