Aufsatz 
Nachträge und Berichtigungen zu dem Verzeichnis der Abiturienten im Jahresbericht von 1911 / von Friedrich Engelhardt
Entstehung
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zu beginnen, sind wohl bei einem didaktischen Genie geglückt. Da solche aber spärlich gesät sind, so wollen wir lieber auf das Experiment verzichten, zumal da der ganze Gedanke grund- verkehrt ist, von einer Kunstsprache auszugehen, statt von dem natürlich gewachsenen Attisch. 3 Bücher kann man mit Auslassungen gut bewältigen.

Auf der Stufe der Sekunda beginnt die Lektüre Ciceros, während von Historikern Livius und Sallust eintreten, von Dichtern Virgil und allenfalls die Elegiker: Das schier unerträgliche Schelten auf Cicero, in das selbst Schulmänner wie O. Frick einstimmten, hat merklich abgeflaut. Die starke Reaktion, die vor 20 Jahren gegen die Drumann-Mommsensche Auffassung einsetzte, ist in erster Linie von Männern der Schule angeregt, nicht von den Vertretern der Wissenschaft, die allmählich nachhinkte. Den Schriften von Weissenfels, O. E. Schmidt, Schneidewin und meiner Cicero-Biographie folgte die kleine, aber gehaltvolle Schrift Zielinskis, die dann durch die umfangreiche 2. Auflage ersetzt wurde. Heute bedarf es Einsichtigen gegenüber keiner Apologie mehr. Nicht bloß als erster Autor der Latinität, sondern auch um seiner selbst willen, als großer Lehrer der Kulturmenschheit, kann er einen ansehnlichen Platz in der Schule beanspruchen. Zunächst in Sekunda mit seinen leichteren Reden, die Interessen der verschiedensten Art berühren. Zuerst die Pompeiana, eine vor- bildliche Leistung durch die Klarheit der Disposition, den Reiz des Inhalts, die Reinheit der Sprache. Daneben behaupten sich mit Recht die Catilinarien, documents humains, die sich die Schule nicht entgehen lassen soll, besonders die erste und dritte. Ist das noch ein Gymnasiast, der nie das prächtig donnerndeQuousque tandem Catilina gelesen hat? Auch die Jugendrede pro Roscio Amerino ist recht geeignet, wenn sie auch wegen ihrer Länge gekürzt werden muß; dies Pathos ist echt und steht dem Redner gut zu Gesicht. Trefflich ist die berühmte Rede pro Archia, der Preis der schönen Wissenschaften, eine wahre Jünglings- leistung, die für die Abiturientenreden in der Zeit unsrer Jugend den Stoff oft abgab. Aber auch die Reden ad Caesarem sind lesbar, pro Marcello, ein denkwürdiges Aktenstück für eine merkwürdige Phase in der Entwicklung des Redners, pro Ligario und pro rege Deiotaro; dazu die erste oder siebente Philippica. Daneben der Cato maior, eine Schrift, die zu den Perlen der Weltliteratur gehört; nur muß sie der Erklärer nicht als Lobschrift des Greisen- alters auffassen, sondern als die Darstellung eines alten Römers von echtem Schrot und Korn. Die Auswahl ist reichlich genug; denn daneben muß Livius ausgiebig gelesen werden, in der Untersekunda aus der ersten Dekade(vor allem I, II, V, VII 29 VIII, in der Obersekunda aus der dritten, besonders XXI, XXII und XXX. Hier werden die Schüler in das Wesen des Römertums, wenn auch in verklärter Gestalt, gut eingeführt und lesen ein Latein, das eine passende Ergänzung zur Cicero-Lektüre bildet. Aber daneben darf Sallust unter keinen Umständen fehlen, entweder der Catilina oder das schönere bellum Jugurthinum, mit seinen wuchtigen Gedanken, seiner packenden Charakteristik, seiner gedrungenen Sprache, aus der einer archaischer Zug weht. Wenn die Einleitungen schwer sind, so sind sie nicht auszulassen, ein beliebtes Hilfsmittel bequemer Lehrer, sondern sorgsam zu erklären. Ich fordere hier nichts, was nicht vor der Klasse erprobt ist, nicht einmal, sondern oft. Als Dichter können wir nur Virgil brauchen; denn die Metamorphosen bleiben in Tertia zurück. Zwar hat der größte römische Nationaldichter heute mehr Gegner als Cicero; er gilt fürlangweilig, und das mag er unter der Erklärung langweiliger Lehrer werden. Aber das braucht er nicht zu sein, wenn man die schönsten Bücher liest, das I, II, IV, VI und aus der zweiten Hälfte unter andern die wundervolle Erzählung von Nisus und Euryalus, die weit über das Homerische Vorbild der Dolonie hinausgeht, eine Darstellung von einzigartiger Süssigkeit und Tiefe. Nur lese sich der Lehrer, dem das Glück zugefallen ist, Virgil zu erklären, in die moderne Literatur über Virgil ein; er wird entdecken, wo anzusetzen ist, wenn man den großen Dichter der Jugend lieb machen will. Ich wüßte nicht, was z. B. das zweite Buch ersetzen sollte, diesen wichtigsten Rest der Zykliker, oder das sechste Buch, die Ahnentafel mit der unüber- trefflichen Charakteristik des weltüberwindenden Volkes. UÜber diese Sprache und diese Verse hinaus haben die Römer nichts Schöneres geschaffen; man vergleiche nur Ribbecks Geschichte der römischen Dichtung, ein Buch, das unserm schnell lebenden Geschlechte nicht mehr zu existieren scheint, weil es nicht gestern erschienen ist. In ihm steckt genug Material, die Lektüre Virgils fruchtbar zu gestalten. Aber die Elegiker! Freilich wäre es sehr wünschens-