8 verwertbar erschienen. Leo erklärt Cicero für den Hauptautor der Schule und empfiehlt im besondern die Reden pro Roscio Amerino, eine Verrine, pro Marcello, die 6. 7. 9. Philippica, seltsamerweise auch pro Cluentio; ferner de oratore, Tusculanen, de officiis, vor allem aber die Briefe. Aus der Augusteischen Zeit bevorzugt er Virgil und Horaz, eine Auswahl der Elegiker, weniger Ovid; sodann Livius, dessen erste zwei Bücher er nach Tertia weist, da er Caesar wie Cornelius Nepos ablehnt; Tacitus läßt er nur zum Teil gelten, nicht die Germania. Vor allem wünscht er als Ergänzung und Berichtigung des bisherigen Kanons ein Lesebuch aus Plautus, Lucrez, Catull, Tibull, Seneca, Plinius minor, Quintilian und Sueton. Dem gedankenreichen Vortrage folgte eine nicht minder bedeutende Diskussion, auf die ich gelegent- lich noch zurückkommen werde.
So der bisherige Tatbestand. Fragen wir nun nach den Grundsätzen, die für die Aufstellung eines Kanons maßgebend sein müssen, so stehen Form und Inhalt der Schriftsteller, wie Leo betont, an erster Stelle, und niemals darf die Schule an den Fortschritten der Wissen- schaft in dieser Hinsicht gleichgültig vorübergehen. Aber daneben steht die Rücksicht auf den erziehlichen Wert der Lektüre in gleicher Linie; es ist ausgeschlossen, daß ein Schrift- steller, wie Petron, trotz seiner einzigartigen Vorzüge zur Schullektüre gemacht wird. Hingegen ist die literarische Größe eines Autors kein Hindernis. Wenn wir Schillers Balladen in der Tertia lesen, so ist es für Caesar keine Schande, von Tertianern gelesen zu werden. Es gilt eben hier der Spruch Goethes, daß verschiedene Leser auch einen verschiedenen Gewinn von derselben Lektüre haben werden:
Anders lesen Knaben den Terenz, anders Hugo Grotius.
Es ist auch das Interesse des Lehrers zu berücksichtigen. Der Kanon muß deshalb elastisch angelegt sein, um Gelegenheit zur Abwechselung zu geben; denn occidit miseros crambe repetita magistros. Auch ist den Wünschen oder Privatneigungen der Lehrer nach Möglichkeit entgegen- zukommen. Und zum Schluß soll der Tradition nicht vergessen werden, die doch nicht immer wegen der vis inertiae an dem ewig Gestrigen festhält, sondern doch auch oft eine respektable Erbweisheit in sich schließt. Es sind also eine ganze Anzahl von Gesichtspunkten zu berück- sichtigen, die sogar nicht selten im Gegensatz zu einander stehen.
Wir beginnen nun unsre Musterung, indem wir die Klassen des Gymnasiums von unten an aufsteigen und bei jeder erwägen, quid valeant umeri, quid ferre recusent.
In Sexta und Quinta kann von der Vorlegung eines Schriftstellers nicht die Rede sein. Hier genügt ein Lesebuch, das sagenhafte oder geschichtliche Stoffe in möglichst einfachem und doch gutem Latein enthält. Es ist anzuerkennen, daß der Inhalt dieser Bücher, deren Zahl Legion ist, sich in den letzten Dezennien erfreulich gehoben hat. Die banalen Wahr- heiten, daß z. B. der Tisch rund und die Taube furchtsam sei, haben sich aus dem Lesestoff verflüchtigt, und Miltiades und Hannibal spielen die erste Rolle. Vielleicht tut man auch hierin wieder des Guten zu viel und könnte wohl der Phantasie der Kinder mit hübschen Fabeln entgegenkommen. Das vielgebrauchte Buch von Ostermann-Müller enthält meines Wissens nicht eine Fabel, das von Geyer-Mewes eine stattliche Anzahl. Unsre Lehrer sind gar zu ernsthaft und nehmen auf die kindliche Natur zu wenig Rücksicht.
In Quarta stehen wir schon vor der ersten Schwierigkeit. Cornelius Nepos, der früher unbestritten im Lehrplan seinen Sitz hatte und sogar auf höheren Stufen gelesen ist, wird einstimmig von den Neueren verdammt, nachdem schon vielfach seine Vitae verarbeitet und mit Schulmänner-Latein„vernewert“, ja sogar, ein schreckliches Schicksal,„verostermannt“ sind. Was hat man gegen den Mann, den ein Catull seiner Freundschaft würdigte? Der Inhalt ist knabenhaft, der Stil nüchtern und zerhackt. Ich möchte aus diesen Prämissen gerade das Gegenteil folgern und ihn für eine ausgezeichnete Lektüre in Quarta erklären. Nepos ist dem Knaben kongenial, und sein Latein ist zwar nicht mustergiltig, aber für den Quartaner gut genug, vor allem leicht zu übersehen und bequem zu konstruieren. Und zwar der urwüchsige Nepos, nicht der zurechtgemachte, mit Fetzen aus Justin und andere heraus- geputzte Scheinschriftsteller. Von der Mißgeburt, die aus ihm von Ostermann-Müller gemacht ist, wollen wir lieber nicht reden. Es gehören diese wie ähnliche Verirrungen in die Zeit


