Aufsatz 
Nachträge und Berichtigungen zu dem Verzeichnis der Abiturienten im Jahresbericht von 1911 / von Friedrich Engelhardt
Entstehung
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Indessen wurde ja Süverns Lehrplan nicht durchgeführt, und Johannes Schulze, der Viel- geschmähte, zeigte auch hier, daß ihm im Gegensatz zu dem hochgemuten Idealismus Süverns (und Humboldts) ein gesunder Wirklichkeitssinn zu eigen war. In der Prüfungsordnung von 1834 für das Maturitätsexamen wurde Tacitus durch Sallust ersetzt, während man sich im Griechischen auf Homer, Herodot, Xenophon und leichtere Dialoge Platos beschränkte. Ins- besondere wurde vor Übertreibungen in der Auswahl der griechischen Lektüre gewarnt. Von Dramatikern wurden nur Sophocles und Euripides erlaubt, von Plato nur die kleinen Dialoge, von Thucydides nur eine Auswahl. Hingegen wurde durch Förderung der Privatlektüre die Möglichkeit für begabtere und eifrige Schüler geboten, den gewohnten Kanon zu erweitern. Auch hier zeigt sich wieder, wie sehr das traditionelle Bild von Schulzes Wirksamkeit den Tatsachen widerspricht. Ein verständiges Maßhalten ist klar zu erkennen.

Den ersten Versuch, einen Kanon der altsprachlichen Lektüre aufzustellen, machte der auch sonst um das höhere Schulwesen hochverdiente Ludwig Wiese in dem speziellen Lehrplan von 1867; er lautete folgendermaßen:Die meisten Vitae des Cornelius Nepos, Julius Caesar bellum Gallicum, ganz oder wenigstens 5 Bücher, Tacitus Annalen etwa 2 Bücher, außerdem Germania(jedenfalls Kapitel 1 27) und Agricola; von Cicero 3 kleinere und 3 größere Reden, Laelius, Cato maior, Tusculanen(1 und 5), Offizien in Auswahl, sowie eine der rhetorischen Schriften; von Ovid etwa 1000 Verse, von Virgil 6 Bücher, die Oden und Epoden(2, 3, 16) des Horaz, Episteln(jedenfalls I, 1) und Satiren(I, 6, 9), Auswahl aus den Elegikern; von Xenophon die Anabasis ganz oder mindestens 5 Bücher, Auswahl aus den Memorabilien und Hellenica; Herodot 80 bis 100 Kapitel, Thucydides 1 Buch, jedenfalls II, 35 46, Lysias 6, Demosthenes 3 Reden, Platos Apologie, Crito, die erzählenden Teile des Phaedo, Protagoras; Homers Odyssee und Ilias mit Hülfe der Privatlektüre ganz, von Sophocles 2 Tragödien. Aber je nach Vorliebe einzelner Lehrer oder aus einem andern Grunde dart dieser Kanon auch erweitert werden, und zwar durch eine Auswahl aus folgenden Schriften: Justinus, Curtius, Quintilian Buch 10, der jüngere Plinius, Seneca, Phaedrus, die Elegiker, Plautus, Terenz, Lucanus; ferner Plutarch, Isocrates, Lucian; Aeschylus, Euripides, griechische Elegiker und Lyriker. Eine wahrhaft liberale und umfassende Auswahl, in der man nur mit Befremden die Historiker Sallust und Livius vermißt. Und dies war keine Leporello-Liste, stand nicht bloß auf dem Papier, sondern diese Schriftsteller wurden auch wirklich, wenn auch nicht überall gleichmäßig, gelesen. Die Pflege der Individualität unter dem Regiment Wieses war sorgsamer, als sich die Historiker der Pädagogik einbilden.

Die Lehrpläne von 1882 zeigen im Kanon keine prinzipielle Veränderung, wohl aber die von 1892. Die großen Abstriche an der Stundenzahl zwangen zur Einengung des Kanons, wozu auch schwächliches Entgegenkommen gegen die Zeitrichtung kam, der z. B. Ciceros philosophische und rhetorische Schriften zum Opfer fielen. Es verblieben: Cornelius Nepos, Caesar bellum Gallicum und Ovid Metamorphosen, leichtere Reden Ciceros, Auswahl aus Livius und Virgil, Tacitus, Horaz und, der gesundeste Gedanke in den ganzen Lehrplänen, Briefe Ciceros; dazu eine größere Rede und wieder Lektüre aus Livius. Im Griechischen hielten sich Xenophons Anabasis und Hellenica, sowie Memorabilien, Homer Odyssee, Herodot, Plato und Thucydides mit Vorsicht, Demosthenes olynthische und philippische Reden; Homer Ilias und Sophocles.

Diese Episode der Verkümmerung erreichte bald ihr Ende mit den Lehrplänen von 1901, die den zur Zeit höchst lückenhaften Kanon wesentlich ergänzten und verbesserten. Im Latein trat Caesars bellum civile hinzu; unter den Reden Ciceros wurden aufgeführt pro S. Roscio, in Catilinam, de imperio Cn. Pompei, pro Archia, pro Ligario, pro rege Deiotaro, in Caecilium, in Verrem 4 oder 5, pro Plancio, pro Sestio, pro Murena; von Livius wurde die erste Dekade der Unter-, die dritte der Obersekunda zugewiesen; Sallust wurde betont, mit Cator maior auch die philosophischen und rhetorischen Schriften Ciceros überhaupt wieder in ihr altes Recht eingesetzt; von Tacitus auch der Dialogus und die Historien empfohlen. Im Griechischen wurden gleichfalls höhere Ziele gewiesen: neben dem altbewährten Xenophon wurde freilich geheimnisvoll auf ein neues Lesebuch hingewiesen, von dem wir später sprechen werden; sonst Homer, Herodot, daneben andre geeignete Prosa, ein wiederum rätselhaftes Wort, das wohl dem neuen Buche durch den horror vacui den Weg bereiten sollte. Immerhin