Der Kanon der altsprachlichen Lektüre am preussischen Gymnasium.
Der erste Versuch, einen Kanon der altsprachlichen Lektüre für die preußischen Gymnasien aufzustellen, rührt von keinem Geringeren als Friedrich dem Großen her. In der bekannten Kabinettsordre vom 5. September 1779 an den Justizminister Freiherrn von Zedlitz erklärt der König, vom Griechischen und Lateinischen gehe er bei. den Schulen durchaus nicht ab. Freilich verlangt er, der die Alten selbst nur in französischen Ubersetzungen lesen konnte, daß„die autores classici alle ins Deutsche übersetzt würden“; aber die Auswahl verrät einen reinen Geschmack: Xenophon, Demosthenes, Sallust, Tacitus, Livius und vom Cicero„alle seine Werke und Schriften, die sind alle sehr gut“; ferner Horatius und Virgil, Quintilian für die Rhetorik. Tiefer noch drang sein trefflicher Minister in den Geist des Neuhumanismus ein, wenn er den Text der Schriftsteller selbst zu lesen befahl. Für die unteren Klassen wollte er eine Chrestomathie, in Tertia Nepos und Metamorphosen Ovids, in der Sekunda Livius und Virgil, daneben Gesners Chrestomathia Ciceroniana und Pliniana, auch Sallust und Terenz. Für die Prima verlangte er Cicero, Tacitus und Horaz, auch Plautus' Aulularia, Captivi, Amphitruo. Von Cicero nennt er pro Milone und pro lege Manilia, wozu er auch Quintilian stellt, aber, wie alle andern, im Original. Die Philosophie wollte er nach Cicero gelehrt wissen. Das Griechische, das auf 3 Stufen mit 6 Wochenstunden bedacht war, sollte mit Xenophon und Lucian beginnen, denen Aelian, Anacreon und Gesners buntscheckige Chrestomathie folgen. Für die obersten Stufen werden Homer und Theocrit, auch Sophocles genannt, von Prosaikern Plato, Demosthenes und Xenophon, besonders die Cyropädie. Auffällig ist der Ausfall des Thucydides. Die Logik, auf die nächst der Rhetorik der größte Wert gelegt wurde, sollte an Plato angeschlossen werden, besonders an Meno, beide Alcibiades und Crito. Die Programme zeigen, daß man in der Praxis, wenigstens auf den größeren Schulen, den Weisungen nachkam, vor allem auf dem Friedrichs-Werderschen Gymnasium, wo man sich sogar an den Plutus des Aristophanes, Euripides und andre wagte. Wichtiger ist noch, daß an dieser Schule zum ersten Mal durch Gedike die Vorbereitung der Schüler auf die Lektüre, die sogenannte Präparation, eingeführt wurde, eine der wichtigsten Errungen- schaften der Didaktik. Man sieht überall hoffnungsvolle Anfänge, ja ernsthafte Versuche, auch schwierige Aufgaben zu bewältigen.
Unter Süvern nahm das Gymnasium noch höheren Flug. Die Neuordnung des Abiturientenexamens von 1812 nennt an Schriftstellern Cicero, Livius, Virgil, Horaz, auch Tacitus; im Griechischen attische Prosa, Homer, Sophocles, Euripides, selbst in leichteren Chorpartieen. Und so finden wir in den Programmen Angaben, die eine stattliche Ausdehnung des Kanons zeigen. In Tertia wurden Lucian, Xenophon und Homer, in Sekunda Homer, Herodot, Xenophon, in Prima Plutarch, Isocrates, Thucydides, Demosthenes, Platos kleinere Dialoge und Phaedo gelesen, von Dichtern Homer, Hesiod, die Bukoliker, Euripides, Sophocles, Aristophanes, Aeschylus und Pindar. Fürwahr, das Ziel war hoch gesteckt, und man kann der scharfen Kritik nicht widersprechen, wenn F. A. Wolf die Überspannung des Ziels tadelt.


