Wenn wir nämlich vor der Hand von aller Astronomie abstrahiren: so sieht sich der Geograph sogleich beim Eintritte in seine Wissenschaft genöthigt, folgende Betrachtungen an- zustellen. Wenn ich von der Gestalt und Grösse der Erde eine Vorstellung gewinnen will: so habe ich denselben Weg, wie bei jedem andern Gegenstande auf der Erde oder am Himmel einzuschlagen, nämlich den Augenschein zu befragen. Dieser aber bietet mir überall auf der Erde, wo ich im Freien bin, nur Folgendes dar. Ich sehe rings um mich her ein sehr kleines Stück der Erdoberfläche in Gestalt einer ebenen runden Scheibe, deren Miittelpunkt ich selbst bin und welche die sichtbare Halbkugel des Himmels von der unsichtbaren trennt. Man nennt dies den Gesichtswreis, auch wohl mit einem Fremdworte den Horizont; muss sich aber hüten, letzterem Worte einen Begriff unterzuschieben, welcher in eine ganz andere Wissenschaft, die Astronomie, gehört. Denn der Geograph hat von dem Inhalte der Himmelskugel ganz abzusehen und dieselbe blos als Grenze, wenigstens als scheinbare, seiner Erdansicht zu betrachten; dahin- gegen hat der Astronom ganz von dem Inhalte der Erdscheibe abzusehen und seine Aufmerk- samkeit lediglich auf die Gegenstände der Himmelskugel zu richten, für welche die Erdscheibe sich blos als Unterbrechung, als Grenze, darstellt. Der Gesichtskreis aber und das was er enthält, ist das wahre Object geographischer Betrachtung. Wie sollten wir ihn nun für eine blosse Linie erklären dürfen, die weiter nichts ist, als Länge und welche auf der Grense zweier Welten liegt?
Anstatt sich nun mit diesem einfachen und natürlichen Standpunkte zu begnügen, stellen sich einige der neueren und neusten Geographen gleichsam zwischen beide wissenschaftliche Gebiete und einer unter ihnen sagt:»Die scheinbare Berührung der Erdoberfläche und des darüber gewölbten Himmels bildet rings um den Beschauer einen Kreis, jenseits dessen er nichts mehr wahrnehmen kann; wesshalb man ihn Gesichtskreis oder Horizont nennt«.— Ein anderer sagt:»Eine Kreislinie, die durch den rings auf den Erdboden niederreichenden Himmel be- schrieben wird und desshalb der Gesichtsxreis(scheinbarer Horizont) heisst, in deren Mitte man selbst steht, enthält die acht Himmelsgegenden«.— Ein dritter:»Die kreisförmige Grenze zwischen Himmel und Meer ist der Horizont(Gesichtskreis), in dessen Mitte der Beobachter«. Oder:-Die kreisförmige Grenze, in welcher sich Meer und Himmel zu berühren scheinen, heisst der scheinbare Horizont. Dieser begrenzt demnach die Segmente der Erd- wie der Himmels- kugel, welche das Auge überblickt«.
Völlig verworren aber ist die Darstellung jenes Autors, welcher erklärt:»Durch die scheinbare Berührung des Himmels und der Erde wird eine Linie gebildet, welche die Aussicht begrenzt und die Gestalt eines Kreises hat. Wir nennen sie den Gesichtskreis oder Horizont«. Und gleich darauf stellt er den Satz auf: ⸗Eine jede Linie oder Ebene, welche mit dem Hori- zonte parallel ist, nennen wir horizontal«.— Nämlich eine Linie, von welcher weiter nichts bekannt ist, als dass sie mit einer gewissen Kreislinie, d. i. mit der Peripherie eines Kreises


