Aufsatz 
Die platonische Sprachphilosophie / dargest. von Julius Deuschle
Entstehung
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Wo er nemlich von grammatischen Dingen spricht, gelten ihm diese fast nie als blosse empirisch aus der Sprache abstrahirte Erscheinungen, sondern er legt ihnen einen innigen Zusammenhang mit der Dialeklik hei, welcher sie als anschauliche Beispicle zu dienen pflegen. Daher erscheinen denn auch seine Bestimmungen nicht in dem Gewande, in welchem sie der Grammaliker wünschen möchte und selber geben würde; sie tragen vielmehr meist einen dialekti- schen Kern in einer grammatischen Schale oder in einer dialektischen Schale einen grammatischen Kern, sodass beides zu einander nicht recht passen will. So namentlich die Scheidungen, die er innerhalb des Sprachschatzes vollzogen hat. Indem man aber jenen begrifflichen Ge- sichtspunkt übersah, der ihm cigentlich der bezweckte war und nur, wo es auf der Hand lag, das Grammatische hervorzog, gercinigt, wie man glaubte, von jener trübenden Bei- gabe, hat man zum Nachtheil der eigenen Wissenschaft auch viele grammatische Beob- achtungen Platos übersehen, die so sehr in ein logisches Gewand gehüllt waren, dass man daraus auf eine sprachliche Anschauung nicht schliessen mochte. So ist, wie mich dünkt, ein grosser Schatz sprachwissenschaftlicher Weisheit den nächsten Zeitgenossen Platos, wie den Forschern neuerer Zeit verborgen geblieben, die der denkende Mann in nur allzu ge- dankenartiger, begriſflicher Form in sich trug. Aber ähnlich, wie es Trendelenburg von den arislotelischen Kalegorieen zur Evidenz nachgewiesen hat, dass ihnen sprachliche Anschauungen zu Grunde liegen, ähnlich und noch in viel höherem Grade ist es bei den meisten logischen Verhältnissen des in sprachliche Studien tiefer als Aristoteles eingeweihten Plato. Wir werden bei den wichligsten Problemen der Dialeklik gerade derartigen Begründungen be- gegnen und darin für diese Behauptungen eine Rechtfertigung beanspruchen. Der eigentliche Grund, warum er solche Verhältnisse nicht als Resultate der Grammalik darstellen konnte, sondern als Bezichungen des Denkens, ist der, dass er kein Bewusstsein von dem Unter- schied der Endung und des Wortstammes besass, ein Umstand, der aus Crat. 434. C. zur Genüge erhellen mag, wo zwischen αeπαeτπ und σꝓανμmπmσ Wwirklich die Möglichkeit eines Einflusses auf die Bedeulung, den substantiellen Gehalt des Wortes, vorausgesetzt wird. Wo aber das Bewusstsein des reinen FHormunterschiedes noch gar uicht vorhanden war, da musste die Wahrnehmung des Unterschiedes vom Begriffe ausgehen. Die Scheidung der Worte in Arten kam also nach begrifflichen Verhältnissen so zu Stande, als ob zu ihnen der ganze Worlumfang und Worlinhalt mitgehörte. Wer von diesem Gedanken geleitet, mit mir die Untersuchung beginnt, der wird erkennen, wie reiche Quellen sprachlicher Beobachtungen in Plato verborgen liegen.

Man unterscheidet nalurgemäss zwischen Sprachschatz und Sprachformen. So- ſern sich die Grammatik mit jenen beschäftigt, hat sie es zu thun mit der Klassifikation desselben nach Wortarten; beschäftigt sie sich mit den Sprachformen, so hat sie einerseits