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Es möge diese Darlegung dazu dienen, theils übermässige Anforderungen an die Sprachphilosophie der Alten herabzuspannen und auf ihre natürlichen Schranken aufmerksam zu machen, theils auch die Anordnung zu rechtfertigen, welche die folgende Untersuchung nehmen wird. Von der neusten und relativ höchsten Erkenntniss aus pflegt sich auch das Alte, soweit es mit ihr bestehen und sich vereinbaren kann, bestimmen und bedingen zu lassen. Die Entwicklung der Grammatik war nämlich gerade bis zu diesem Punkte vorge- schritten, bis zur beginnenden Ausscheidung der hauptsächlichsten Wortarten mein' ich, als plato sich zu logischen Untersuchungen veranlasst und darum auf ein Genaueres in der sprachphilosophischen Begründung zurückzugehen genöthigt sah. So sehr ihm sein Grund- gedanken durch seine philosophische Weltanschauung vorbestimmt war, musste er doch in der Ausführung des Einzelnen wesentlich gefördert oder gehemmt werden durch die Ge- sichtspunkte, deren er in grammatischen Dingen Herr war oder nicht war und das um so mehr, je inniger bei ihm die Beziehung alles Einzelnen auf seinen idealen Mittelpunkt hervortritt. Um dieses Umstandes willen wird es uns gerade bei Plato von hoher Wichtig- keit eine Uebersicht über die grammatischen Erkenntnisse zu erhalten, die wir bei ihm voraussetzen dürfen, damit wir, nachdem wir von vornherein die Bedeutung derselben auf ein geringes Gebiet eingefriedigt haben, nun wieder seinen Blick erweitern und inner- halb dieser Grenzen ihm freien Spielraum eröffnen. Es kann nicht fehlen, dass uns selbst solche Dinge, die zunächst nur als äusserliche Einzelnheiten erscheinen, manchen Blick in die inneren Interessen seiner Philosophie gestatten werden. Darum beginne ich diese Untersuchungen mit der Darstellung der:
Erster Abschnitt.
Voraussetzungen grammatischer Erkenntnisse nach Platos eigenen Andeutungen.
Eine Bemerkung möge voranlaufen, damit man sich nicht wundere, wenn man Manches als eine schon von Plato gemachte grammatische Erkenntniss hingestellt ſindet, was Andere erst als Resultat späterer Zeiten angeben. Ein Recht dazu glaubte ich in einer freilich noch wenig beachteten Eigenthümlichkeit platonischer Denk- und Ausdrucksweise zu finden.


