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Willkür, oder Natur und Nothwendigkeit, dass dieser Begriff in diese Laute gefasst wird, jener in andere, und wie kommt es, dass dasselbe Wort die gleiche Vorstellung von dem Dinge in Allen hervorruft? Die Antwort auf diese Frage wechselt und nüancirt sich, sooft das allgemeine Princip der Philosophie, die Weltanschauung wechselt und sich nüancirt. Doch der Mensch, so unabhängig und frei auch die Entwicklungsgesetze seines Denkens sind, kann wenigstens nie ins Abstrakte hinein denken; er muss seinen ldeen stets eine reale Grundlage geben, das Gedachte in der Wirklichkeit nachweisen, für seine Principien und Regeln Beispiele aufstellen. Indem man zunächst den Zusammenhang von Laut und Begriff darzuthun sich abmüht, kommt man auf etymologische Untersuchungen, diese führen auf die Vergleichung ähnlicher Wörter und verschiedener Begriffe; die Vergleichung leitet zur Scheidung nach den Formen und in diesem Augenblicke, da man die erste Scheidung vollzog, war die Grammatik geboren. Dieser ihr Entstehungsgrund bethätigt sich von nun als ihr Wesen in einem vom Verstand in den Spracherscheinungen vollzogenen, ewigen Scheidungsprocess. Bald gliedert sich die Sprache stufenweise in ihre Elemente, nach bestimmten Kategorieen mit entsprechenden Sprachformen. Zunächst hat man es nur mit den Sprachformen zu thun. Man unterscheidet verschiedene Klassen von Wörtern und dann wieder die Verschiedenheiten innerhalb dieser einzelnen Klassen unter einander. Allmählig zersetzt die Grammatik die ganze Masse des Sprachstoffs in seine Theile und gewinnt in jeder neuen Scheidung neue Resultate auch für die übrigen. Die Syntax folgt später in ähnlicher Weise nach. Kurz, sobald erst einmal der Anfang des Scheidens aus spekulativem Interesse gemacht war, ist der ganze übrige Process nur Produkt der Empirie, welche zur Erkenntniss gelangt, dass die vollzogenen Scheidungen noch nicht ausreichen, alles Einzelne unter sich zu befassen.
Man hatte vielleicht erwartet, je mehr man im Stande sein würde, die Sprache in ihre Elemente zu zerlegen, desto mehr Licht müsse sich über das Wesen derselben ver- breiten. Die Erwartung ward zum grössten Theile getäuscht. Die Forderung der Sprach- Philosophie, als selbstständiger Theil der Philosophie ist, dass von dem Principe der Sprachentstehung aus, die Ausbreitung desselben in den verschiedenen Formen der einzelnen Sprachen vollzogen werde. Diese Forderung konnte aber nicht einmal zum Bewusstsein kommen, so lange man nur Eine Sprache ausschliesslich, die anderen nur gelegentlich und negativ betrachtete. An dieser Schranke scheiterten die besten Bemühungen, weil selbst die grammatischen Vorkenntnisse von ihrem kleinen Raume zu sehr bedingt waren, um sich für allgemeinere Zwecke verwerthen zu lassen. Daher kam man nur zu solchen Principien, welche eine vorausgesetzte 6996 6 der gegebenen Sprache hinlänglich verdeutlichen, aber weder die Principien anderer Sprachen sich unterordnen, noch die Momente der Einen


