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dann zusammenzuschliessen. Darüber hinaus liegt aber noch eine andere Frage, welche in dem Denken eigentlich zuerst erwacht— die Frage nach den inneren Gründen des Ge- gebenen. Die Thatsache wird wahrgenommen und man fragt, wie lässt sie sich erklären? So erscheint denn auch die Sprache zunächst als Ein Ganzes, Daseiendes und man sucht zu enträthseln, welche Rechtfertigung ihrer Bedeutung lässt sich in ihrer Form erkennen? Diese Untersuchung ist rein spekulativer Art; man braucht dazu noch nicht zu wissen, wie die Worte einzutheilen seien, und in welchem Verhältniss ihre wechselvollen Formen unter einander stehen— kurz man braucht dazu noch keine Grammalik, um die erste sprach- philosophische Frage aufzuwerfen und eine Antwort darauf zu versuchen. Es ist ja nicht anders, als mit der Naturphilosophie, welche längst da war, ehe ein Anfang der eigentlich empirischen Naturwissenschaft gemacht wurde. Aber sonderbar! je mehr die Kenntniss der einzelnen Nalurerscheinungen zunimmt, desto mehr tritt die Philosophie darüber zurück. Bis zu einem gewissen Grade gingen beide Hand in Hand; dann geht die eine Schwester- wissenschaft, welche thatsächlich die andere nach sich zog, verloren, um erst spät wieder aufzutauchen, wenn man empirisch auf Gesichtspunkle gestossen ist, welche mit den Tendenzen der Zeitphilosophie in einem gewissen geahnten Zusammenhange zu stehen scheinen. Wenn es also erlaubt ist, aus der Analogie einen Schluss zu ziehen, so können wir ahnend voraussagen: es werden auch Sprachphilosophie und Grammatik bis auf einen gewissen Punkt mit einander zusammengehn, dann wird letztere ihre erstgeborene Schwester verdrängen, bis diese erst nach langer Zeit wieder ein neues Leben beginnen kann, wenn jene schon eine volle Reife erlangt und plötzlich neue Aussichten durch Erweiterung ihrer Grenzen erhalten hat. Doch liegt dies für uns jeizt noch in weiter Ferne; unsere Sache wird es vielmehr sein, annäherungsweise jenen Punkt zu bestimmen, bis zu welchem Spekulation und Empirie einander förderten, hinter welchem sie sich trennten, jene um lange zu ruhen, diese um rastlos ihrem Ziele zuzueilen. Freilich bedarf es dazu wieder eines Zurückgreifens in die Entwicklung beider Disciplinen; denn bestimmen müssen wir aus dem geschichtlich wahrnehmbaren Wesen der Grammatik einer- und der Sprachphilo- sophie andererseits; denn beide zusammen ziehen sich an oder stossen sich ab.
Wir finden uns zunächst nur auf dem Boden einer einzigen Sprache; aus ihm wächst die Grammatik, wächst die Sprachphilosophie hervor; diese, wie gesagt, zuerst, weil bei den Griechen, die wir als die Begründer und Urheber aller Wissenschaften ansehn müssen, alle Einzeldisciplinen aus der allgemeinen Wissenschaft, der Philosophie hervorgingen. So ist ihr Blick auch zunächst nur auf das grosse Ganze der Sprache gerichtet, ohne dass noch irgend ein Theil von dem anderen in ihr selber geschieden wäre. Man fühlt es bald, dass man mit den Worten beslimmte Begriffe verbindet, und fragt sich, ist es Zufall und
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