Aufsatz 
Die platonische Sprachphilosophie / dargest. von Julius Deuschle
Entstehung
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VI

wenn nicht vorher der ideale Mittelpunkt zu unumstösslicher Gewissheit gebracht war. Alle Einzeluntersuchungen mussten hier stets ihre Richtung nach diesem Mittelpunkte nehmen, bis es denn in unseren Tagen gelang, in den Werken von Brandis und vor Allem Zeller eine nach Inhalt und Form so sichere Darstellung des Ganzen zu geben, dass es eine unnütze Arbeit Nachfolgender scin würde, dasselbe noch einmal 2u versuchen. Der Wissenschaft genügt ein einziges Gelungenes vollkommen. Aber die platonische Philosophie geht trotzdem in diesem Ganzen nicht auf; sie vereinigt gar viele Gesichtspunkte und Momente in sich, ¹die freilich nur aus dem Gedanken des Systems begriffen, aber erst, nachdem dieses voll- kommen wiedererkannt war, berechtigte Gegenstände neuer Untersuchungen werden können. Für diese scheint mir, nachdem jenes geleistet ist, der Zeitpunkt gekommen, und die nach- folgende Untersuchung hat es sich zum Ziel gesetzt, einen speziellen Gesichtspunkt zu ver- folgen, natürlich nicht, ohne das Allgemeine in sich abzuspiegeln. Sie will nicht einen Höhepunkt übersteigen, der sachgemäss der höchste zu erreichende ist; aber indem sie sich an das vorhandene Gerüste anlehnt, hofft sie einige leergebliebene Räume wenigstens einstweilen auszufüllen.

Dieser spezielle Gegenstand, welchen ich zu behandeln unternommen habe, ist die platonische Sprachphilosophie. Zwar sind mir die vorhandenen Abhandlungen über diesen Gegenstand nicht entgangen und ich gestehe gern, dass ich aus einigen nicht Unbedeutendes gelernt habe; allein ich vermisste vor Allem eine umfassende Bewältigung des ganzen, in alle Dialoge so sehr zerstreuten Stoffes, ein tieferes Eingehen auf den Zusammenhang dieser speziellen Lehre mit dem ganzen Systeme und eine gründliche Sichtung innerhalb nahe an einander grenzender Gebiete. Indem ich bei den meisten mir vorliegenden Arbeiten diese Mängel vereinigt fand, oder an ihrer Stelle gar den weit grösseren, den Mangel an

wirklich philosophischem Einleben in den Geist des philosophischen Schriftstellers, so wollte