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Ernst machen, dann weiss Niemand, was das für ein Ende nehmen wird, ausgenommen ihr Wahrsager, schliesst er mit heiterem Spott.
Nun, ich denke, das wird nichts zu sagen haben, sondern du wirst deinen Prozess ge- winnen, bemerkt Euthyphron, so gut. wie ich hoffentlich den meinigen. Und hiermit haben wir den Uebergang zum
zweiten Theil der historischen Einleitung,
worin die Veranlassung zu Euthyphrons Anwesenheit erzählt wird. Euthyphron erscheint als ein zwar beschränkter, aber ehrlicher Eiferer*), der sich an dem Buchstaben des Gesetzes hält, mag er auch dadurch in Widerspruch mit aller Welt gerathen, die ihn darum für einen Narren hält, namentlich auch in dieser Sache, wie er selber zugibt. Auch ist Sokrates ganz erstaunt, als er hört, dass er seinen eigenen Vater verklagt hate*), und als er den Gegenstand ver- nimmt, äussert er seine Verwunderung mit der Bemerkung: das wirst du mir zugeben, um in dieser Beziehung das Rechte zu thun, dazu gehört sicherlich viel Weisheit. wie sie nicht jeder hat(weshalb es nicht zu verwundern ist, wenn dich die Leute für einen Narren halten), was Euthyphron natürlich im Bewusstsein seiner Stärke zugibt. Ja, Euthyphron ist seiner Sache so gewis, dass er auf Sokrates Bemerkung, dass der Getödtete doch wohl ein Verwandter sein müsse, und kein Fremder, antwortet, es wäre lächerlich, darin einen Unterschied zu machen, im Gegentheil müsse man nur danach fragen, ob es mit Recht geschehen sei oder nicht, denn wenn man, fügt er hinzu, mit einem solchen verkehrt, obgleich man davon weiss, und nicht durch eine Verfolgung vor Gericht sich und ihn sühnt und reinigt, so ist die Befleckung gan⸗ dieselbe, mag es ein Fremder oder Verwandter sein. Und das ist gerade der Punkt, worin Euthyphron mit der Anschauung seiner Zeit in schroffen Gegensatz trat; denn er ist ein Mann, dem die Befolgung äusserer Satzungen höher steht, als die Bande der Familie und was sonst dem Menschen das heiligste ist, die Ehrfurcht vor dem Vater*); kurz er ist einer von den Menschen, von welchen es bei dem Apostel heisst: Und wenn ich weissagen könnte, und wüsste
*) Uebrigens muss er eine bekannte Persönlichkeit gewesen sein, wéelcher namentlich auch die Gôtter- namen zu deuten wusste. Vgl. Cratyl. p. 291 C. Er war ein Mann, der, wie Stallbaum zu dieser Stelle sagt. meinte Nil parvum aut humili modo Nil mortale loqui. Hor. carm. III. 25.
**) Der Ausdruck dνυμ. ich verklage, eigentlich ich verfolge, gibt Veranlassung zu einem Scherz des Sokrates. Euthyphron hatte voll zuversichtlicher Einbildung gesagt, Sokrates werde ihn für rasend halten wenn er höre, wen er(vor Gericht) verfolge. Doch nicht einen, der fliegen(fliehen, denn xerouαe heisst beides) kann? versetzt Sokrates daher spöttisch. Nein, dazu ist er zu alt, antwortet Euthyphron.
*rr) Man wird mir vielleicht einwénden, dass gerade die Zeit, in welcher Euthyphron lebte, der Pietät gegen die Eltern nicht am geneigtesten war. Und allerdings muss man zugeben, dass die Sophistik geeignet war, dieselbe zu untergraben. Denn so hoch auch in Griechenland die Pietät gehalten wurde, wie aus vielen Einrichtungen und Aeusserungen der Schriftsteller hervorgeht, so dass z. B. das Zeugnis gegen den Vater vor Gericht vermieden wurde(Pseudo-Demosth. zard Treqdvon A.§ 56), dass bei der dozenxota die Pflicht des vncorOowet“ betont wurde(Pollux VIII.§ 86); so erlitt sie doch durch die neue Zeitrichtung einen Stoss, welcher zum Theil sogar dem Sokrates zur Last gelegt wurde, worüber uns indessen Xenophon belehrt(Mem. I. 2, 49— 55). Allein wie dem auch sei, das Motiv, welches den Euth. bestimmte, die Pietät zu verletzen, stand gänzlich im Widerspruch mit dem Geiste der Zeit. Uebrigens verdanke ich den Nachweis der oben ange- führten beiden Stellen der freundlichen Güte des Herrn Prof. Leop. Schmidt dahier.


