Aufsatz 
Ueber die griechische, insbesondere die Prosa-Lectüre in Prima / vom Oberlehrer Dr. Collmann
Entstehung
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dadurch die Stadt zu grösstem Dank verpflichten, wie das bei einem solchen Anfang nicht anders zu erwarten ist.

Euthyphron, welcher dieses für Erust nimmt, drückt seine Befürchtung aus, dass hiervon das Gegentheil eintreten möge, indem Meletos ihm scheine die Stadt gerade in ihrem Heiligsten zu verletzen( εoτims dοννεκεκ ναννννεν), wenn er dem Sokrates zu nahe trete. Auf seine Frage, was er ihm denn eigentlich Schuld gebe*), wodurch er die Jugend verderbe, er- widert Sokrates spöttisch, er nenne ihn einen Erfinder(rouντ) von Göttern, der neue Götter erfinde und die alten nicht anerkenne, und das wäre es eben, weswegen er ihn anklage. Euthyphron bezieht dies richtig auf das bekannte d⁴e ο, die innere Stimme, welche Sokrates zur Richtschnur bei seinen Entschliessungen nahm*), diess werde als eine Neuerung in gött- lichen Dingen, als eine Ketzerei, würden wir sagen, angesehen, und deshalb trete er vor Gericht auf, um ihn zu verdächtigen, überzeugt, dass man mit dergleichen Verdächtigungen bei der Menge leicht Eingang findet***), wie es mein eignes Beispiel lehrt, setzt er hinzu, denn so oft ich etwas prophezeie, werde ich ausgelacht, wie ein Narr, und doch ist noch alles wahr geworden, was ich vorausgesagt, aber dennoch beneidet man Leute wie uns, aber man muss sich darum nicht kümmern, sondern die Stirne bietenee).

Die Athener, erwidert Sokrates, sind sehr tolerant, sie lassen jedem gern seine Eigen- thümlichkeit, nur muss er keine Proselyten machen wollen, muss nicht die Anmassung haben wollen, andere zu belehren; denn wenn sie das merken, werden sie böse, aber nicht aus Neid, wie du meinst, sondern aus einem andern Grunde(wahrscheinlich aus Eitelkeit). Nun, versetzt Euthyphron, ich werde mich dem nicht aussetzen. Ja eben, weil du dich so selten machst, ant- wortet Sokrates, und es scheint, dass du deine Weisheit nicht lehren willst. Aber bei mir ist es ein anderer Fall. Nun folgt eine kurze Schilderung seines Wesens, welches von seiner Seite voller Ernst, im Munde der Athener aber halb Spott und halb Ernst ist. Du bist gar zu menschenfreundlich-), sagen sie, und gibst jedem verschwenderisch, was du hast, nicht blos umsonst, sondern du wärest selbst im Stande, noch etwas dazu zu geben, wenn man dir zu- hören wollte. Bliebe es nun, wie gesagt, beim Lachen, setzt er ernst hinzu, dann liesse man sich das schon gefallen, so unter Scherz und Lachen im Gericht zu verweilen, aber wenn sie

*) Durch das zad in der Wendung ⁊ο αα πτοε ντπα drückt er seinen Unglauben aus. Vgl. Stallbaum zu der Stelle..

*n) C. Fr. Hermann nennt esdie innere Stimme des individuellen Taktes«. Vgl. Geschichte und

System der platon. Philosophie I. p. 236. Zeller a O. II. p. 68. ) KE0*⁴οας⁴, sagt Platon. Dieses Wort erinnert an das Molière'sche: je ne vois pas pour moi que le cas soit Pendable(zum Hangen), im Misanthrope, und éêtes-vous un homme volable(zum Bestehlen), im Avare, so wie auch das bekannte Wort der Maintenon: Quel supplice d'avoir à amuser un homme inamusable, welchem letztern Worte jetzt erst durch Littré die Ehre zu Theil wird, im Wörterbuch verzeichnet zu werden. *) Die letzten Sätze mit dem wiederholten aνι‿ zeugen von dem Eifer des Euthyphron.

) Es ist diess ein Vorwurf, den ilmn die Athener nicht machen sollten, da sie sich bekanntlich selber auf ihre lοοia viel zu gute thaten Isokrates(15, 20) nennt sie leαωνπιααε⁴‿εοσπσ OMαο⁴ν τουν τυ Ero. Demosthenes(Timocr. 5, 1) sagt: 6 ⁴αο τν νέον τ ον εακς αα ενιοοππιαν αχď απρααστεννυ 1i Euετεςα. Vgl. Nägelsbach, Nachhomerische Theologie, p. 262. Im Gegensatz zu derselben steht die spartanische und bôotische Garh und zalerorhe. Auch Perikles im arard*νος léyos spielt darauf an, Thuk. II, 40, wiewohl freilich dieser feine Ruhm im peloponnesischen Krieg eine empfindliche Einbusse erlitt.