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falls einen Prozess beim Archon Basileus anhängig gemacht hat, indem er seinen eignen Vater verklagt hat, weil er einen seiner Arbeiter, der in der Trunkenheit und im Zorn einen Sklaven des Hauses erschlagen, hatte binden, in eine Grube werfen und sterben lassen in Folge von Hunger und Kälte und der Fesseln. Zwar hatte Euthyphrons Vater den Rechtsconsulenten (Exegeten) in Athen in dieser Sache um Rath fragen lassen, allein ehe der Bote zurückkam. war der Mensch gestorben.
Diesen Mann also trifft Sokrates in der Nähe des Gerichtshofs*). Jener ist natürlich ver- wundert, den Sokrates hier zu sehen, während er sonst nur im Lykeion und ähnlichen Orten unter wissenschaftlichen Gesprächen weilte. Das ist ja etwas ganz neues(xi νεικιτμεμςον, sagt er auf echt athenisch), dass du nicht im Lykeion, sondern hier verweilst. Du hast doch wohl nicht auch einen Process hier, wie ich?**). Diese Frage gibt die Veranlassung, um die Ur- sache zu erzählen, warum sich Sokrates hier befindet, und dieses ist
der erste Theil der historischen Einleitung,
in welchem, wie gesagt, die Veranlassung von Sokrates Anwesenheit erzählt wird. Er ist ver- klagt von Meletos, welcher hier so geschildert wird, wie wir ihn oben kennen gelernt haben. Und da er den Gegenstand der Anklage angeben soll,— denn dass du einen andern angeklagt haben solltest, setzt Euthyphron hinzu, das kann ich mir von dir nicht denken(ouνmꝙνρ sεκεν ys(Sc. Goν)*αᷣντιαένννυονασι, wodurch er seine gute Meinung von Sokrates an den Tag legt, ohne zu ahnen, dass er sich im Gegensatz zu Sokrates damit eigentlich selbst verurtheilt,— bezeichnet Sokrates dieselbe ironisch als»nicht gemein«(oux dye) und schildert mit grossem Humor, welcher überhaupt über das ganze Gespräch ausgegossen ist, was dazu gehört, um in einem solchen jugendlichen Alter eine solche Einsicht in einer so wichtigen Sache zu haben, um zu wissen, wie die jungen Leute verdorben werden, und wer es ist, der sie verdirbt. Kur⸗ um, es muss ein Philosoph(⁶οπαό) sein, der mit scharfem Blick meine Unwissenheit in Behand- lung der jungen Leute, die ich verderben soll, erkannt hat, und nun nichts eiligeres zu thun hat, als mich bei der Stadt, als der Mutter der jungen Leute zu verklagen(ëoεεεα mνκάα̈νινmάννυ⁶ vient m'accuser). Und das ist auch das richtigste Prinzip in der Politik, setzt er mit steigen- dem Humor hinzu, wenn man erst seine Sorge auf die jungen Leute richtet, dass sie brav werden, gerade wie der Landmann es mit den jungen Bäumen hält. Nun folgt die Anwendung auf den Meletos(mit zæd ϑ ci): Gerade so widmet er erst den jüngern Leuten, wie den jungen Pflänzlingen, seine Sorge**) und reutet uns, die wir sie verderben, aus. Natürlich wird er später dann auch seine Sorge auf die ältern Personen der Stadt erstrecken und sich
*) Der Ort ist nicht gleichgültig. Wie nemlich Platon alles äussere auf den Inhalt des Gesprächs bezieht, so z. B. wenn er im Hippias den Begriff des Schönen untersucht und darum den Hippias als den schönen Hippias anredet und mit dem Sprichwort schliesst: schwer ist das Schöne(7αzerd 1 ²α), so wählt er auch diesen Moment und diesen Ort für das Gespräch über Frömmigkeit.
**) Euthyphron nennt es eine dcn, was Sokrates in„oαuoy berichtigt, um damit auf den Ernst der Sache hinzuweisen, während er den Process des Euthyphron immer nur eine ôcxy nennt, obgleich es eben so gut eine„oανs war.
*en) Tor viν τς αorae, der explicative Genetiv, wie genus— eorum(Cic. p. Mil. cp. 2, deut. nemlich diejenigen). Platon hat diese Wendung schon darum gewahlt, um nicht sagen zu müssen: rotoς(xou³ς) vεν⁵ d*ααςσςσεμαοQõι³ας: deut. die wir die jungen Leute, und das sind die Pflänzlinge unter den Menschen, verderben.
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