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Was insbesondere die logische Behandlung des Gegenstandes betrifft, so hat unser Deuschle, dessen allzufrüher Tod nicht genugsam zu beklagen ist, in seiner Ausgabe des Gorgias eine Probe von Gewandtheit in Behandlung logischer Formen gegeben, welcher es gleich zu thun nicht jedermanns Sache ist. Eine solche eindringende Behandlung dürfte aber auch eher für den Jünger der Hochschule als für den Gymnasialschüler geeignet sein, und es empfiehlt sich daher durch ein bescheideneres Mass logischer Entwickelung das Corbacher Programm vom J. 1868 von Waldeck, worin dieser den Protagoras analysiert. Die ethische Seite unseres Gesprächs wird insbesondere hervorgehoben in dem trefflichen Programm des Hersfelder Gymnasiums vom J. 1859, dessen Verfasser, der damalige Director Münscher, ein guter Kenner des Platon ist.
Der Gang des Gesprächs.
Sokrates, der grosse Erzieher des Athenischen Volks und von der tiefsten Frömmigkeit bescelte Mann, war von einigen jungen Leuten, welche sich die Miene gaben, als seien sie um die Verehrung der Götter und um die Erziehnng der Jugend besorgt, namentlich von einem gewissen Meletos angeklagt worden, dessen Aeusseres ihn schon als einen weichlichen (νεταινια, unerfahrenen(ou παννεέκιννεκνειιοε*)„ und anmassenden(&riνονeνμο) Menschen kenn- zeichnete, welchen Sokrates kaum von Ansehn kannte. Und was war der Gegenstand der Anklage? Nichts anderes, als was Sokrates sein ganzes Leben lang so recht als seinen ihm von Gott ertheilten Beruf*) angesehen und betrieben hatte, nemlich die Menschen zu bessern durch Lehre und Beispiel und sie zu einer würdigern Erkenntnis der Götter anzuleiten. Und wie schmerzlich musste es darum für ihn sein, sich so verkannt zu sehen, den Vorwurf zu hören, als verderbe er die Jugend und glaube nicht an die Götter, mit einem Wort, der Gott- losigkeit angeklagt zu werden, er, den nach der Versicherung des Xenophon(Memor. I. 1, 20), niemand etwas gottloses thun gesehen oder gehört hat. Gegen diese Anklage, welche das Resultat seines ganzen Lebens in Frage stellte, war er in Begriff sich zu vertheidigen. Zu diesem Zwecke befindet er sich in der Nähe der Halle des Opferkönigs(Archon Basileus), welcher der- artige Prozesse zu entscheiden hatte. Dieser Moment ist von Platon gewählt, um den Sokrates den Begriff der Frömmigkeit erörtern zu lassen, ein Moment, der wohl geeignet war, ihn mit Besorgnis zu erfüllen und ihn für eine ruhige Betrachtung untüchtig zu machen. Um so grösser ist unsere Bewunderung, wenn wir ihn die Frage behandeln sehen, als wäre gar nichts vorgefallen, als treibe er sein gewöhnliches Tagewerk, so frei ist er von allen zerstreuenden Gedanken und bewährt er seine Fähigkeit““), seine ganze Geisteskraft auf die Betrachtung eines Gegenstandes zu concentrieren, ohne sich durch äussere Vorkommnisse darin beirren zu lassen.
Sokrates trifft nemlich hier mit einem gewissen Euthyphron zusammen, welcher eben-
*) Apol. cp. 22: euol dε τον rοοοσπσιστιανανακνιαα εeπ τνι ϑ˙εοσν. Auch denke man an das Orakel, welches sein begeisterter Anhänger Chairephon in Delphi holte, wodurch sich Sokrates in seinem als göttlich erkannten Berufe bestärkt sehen musste. Vgl. Zeller a. a. Orte II, 45.
**) Diese Fähigkeit wurde wesentlich gefördert, ja allein möglich dadurch, dass er fast gar keine Be- dürfnisse hatte, nach seinem Spruche: rο 2 undεν˙οςπ dετεονσαια σϑεεο᷑0u xk-?xr, 15 d64&&Aa‿eιον εpurdro roũ 9·1ou, Xen. Mem. I., 6, 10. Dadurch wurde es ihm auch moglich, seine ganze Zeit und Kraft anderen zu widmen, was freilich der Xauthippe nicht gefallen konnte. Vgl. Zeller a. O. p. 49.


