Aufsatz 
Ueber die griechische, insbesondere die Prosa-Lectüre in Prima / vom Oberlehrer Dr. Collmann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2. Ueber den platonischen Dialog Futbypbron.

O³⁊ olα Ʒεut ννα, oia

dtεεααα. Plat. Hipp. maj.

Wenn ich es nunmehr unternehme, eine Probe zu liefern, wie ich Platon, besonders in sachlicher Hinsicht, behandle, so möge man mir das nicht als Anmassung auslegen. Ich wünsche damit zunächst nur eine, wo möglich angenehme, Erinnerung zu wecken bei denen, welche ihn früher mit mir oder auch unter festerer Leitung gelesen haben, und eine kleine Anregung denen zu geben, welche Platon noch nicht kennen. Sollte dabei eine oder die andere Bemer- kung unterlaufen, welche sogar den Anfängern im Docieren nützlich erschiene, so würde mich das doppelt freuen. Den Euthyphron aber halte ich für ganz besonders geeignet, um in die Platonische Lectüre einzuführen. Zwar wird er noch immer nicht überall als voll anerkannt. Namentlich bricht der gestrenge Ast entschieden den Stab über ihn, auch Zeller will ihn höchstens geduldet haben*), während Susemihl**) die Authenticität vollkommen anerkennt. Sollte das Gespräch aber auch wirklich nicht von Platon herrühren, so ist es doch so ganz und gar im Platonischen Geist geschrieben, dass es in der Schullectüre seinen Platz mit vollem Rechte einnimmt. Zwar ist der Euthyphron nicht zu vergleichen mit Protagoras und Gorgias, obgleich er ihnen der Zeit nach nicht gar fern zu liegen scheint, sowohl was die scharfe, lebens- frische Charakteristiks), als auch was die Scenerie betrifft, in welchen beiden Stücken Platon als dichterischer Philosoph so stark ist. Denn Sokrates hat in unserm Gespräch nur ælnen Unterredner, ähnlich wie in den ersten Dialogen, welche Platon geschrieben hat, als da sind der Jon, die beiden Hippias und der Alkibiades. Der Gang des Gesprächs ist daher ganz ein- fach, aber der platonische Sokrates, als Repräsentant der denkenden Frömmigkeit, und der gegenüberstehende Eutyphron, als Repräsentant der gedankenlosen Frömmigkeit, sind so lebendig gezeichnet, dass die Schrift bei aller ihrer Einfachheit ihren Eindruck nicht verfehlen kann

*) Zeller, Die Philosophie der Griechen II. p. 132, A. 1 und 322, A. 3.

**) Susemihl, Die genetische Entwickelung der platon. Philos. I p. 114 ff.

**s) Steinhart, Platons sämmtl. Werke übersetzt von H. Müller, Vorwort p. XIX.

*rr?) Es sei gleich hier, um Misverständnisse zu vermeiden, angemerkt, dass wir es beim Euthyphron mit dem anstossigen heidnischen Volksglauben zn thun haben, denn was den christlichen Glauben betrifft, So wissen wir, welche herrliche Früchte der Menschenliebe und Hingebung die naive Aneignung desselben zu jeder Zeit hervorgebracht hat und fortwährend hervorbringt. Ich erinnere mich auch, dass Schleiermacher selber es betont, dass zur wahren Frömmigkeit kein besonderer Grad von Wissenschaft und Bildung erfor- derlich sei das ware auch schlimm und dass mit der Wissenschaft und Bildung die Frömmigkeit nicht nothwendig wachse

2