Aufsatz 
Ueber die griechische, insbesondere die Prosa-Lectüre in Prima / vom Oberlehrer Dr. Collmann
Entstehung
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um, die Wahl wird schwer und von Platon trennt man sich nicht gern,-zu dessen Füssen gläubig einmal gesessen zu haben⸗, niemanden reuen wird. Wenn wir von Demosthenes patriotische Gesinnung und die Kunst wahr zu sein im Handeln und Reden, von Thukydides Prüfung der Geister und Thatsachen, oder Kritik, und die Kunst darzustellen lernen, so sollen wir von Platon die Kunst zu denken und unsere Bestimmung philosophisch*) begreifen lernen. Bei Platon soll der Schüler definieren und schliessen lernen, und wenn er schon Anleitung dazu erhalten hat, sich noch mehr darin üben. Bei Platon soll er den sleichten Ton feiner Gesellig- keit« schätzen und die Fähigkeit bewundern lernen, jeden Charakter in seiner Besonderheit aufzufassen und darzustellen und das Allgemeine an das Besondere anzuknüpfen. Noch mehr, bei Platon soll er Anleitung erhalten, die Schönheit eines Kunstwerkes zu begreifen und zu geniessen, denn jede der genannten Schriften ist ein Kunstwerk, dessen Schönheit von dem Anfänger um so leichter verstanden wird, je geringer der Umfang desselben ist.

Als Folie zu Platon benutze ich Xenophons Memorabilien, wovon ich die zwei ersten Kapitel des ersten Buches und Herkules am Scheideweg(II, 1) lesen lasse. Kann ich auch nicht behaupten, dass diese Abschnitte genügen, um den Sokrates des Xenophon in den ihn vom Sokrates des Platon unterscheidenden Zügen aufzufassen, so ergibt sich doch auch hier schon eine Ahnung davon, wenn man einerseits den Xenophon ihn vertheidigen hört gegen den Vorwurf der Verachtung des öffentlichen Cultus und andrerseits liest, wie er selbst im Euthyphron über das Wesen der Frömmigkeit redet. Das aber ist mir etwas wesentliches bei der Lectüre des Platon, dass der Schüler den Sokrates bewundern und lieben, so wie auch begreifen lernt, wie es möglich war, ihn mit Christus zu vergleichen, von dem er doch durch eine weite Kluft getrennt ist. Bei der Auslegung des Platon sind mir Steinhart's und Susemihl's Arbeiten von grossem Nutzen, die Ausgaben von Stallbaum, Deuschle und Cron dagegen sehe ich gern in den Händen der Schüler, wenn sie sich präparieren..

Ein wesentliches Moment ist übrigens hier, wie bei aller Lectüre, die zusammenfassende Wiederholung grösserer Abschnitte, und ich unterschreibe Zeile für Zeile, was Schrader hier- über sagt*-). Durch eine solche Repetition wird die Sache erst fest und lebendig; ja mir selbst ist auf diese Weise der Zusammenhang oft erst recht klar geworden. Nehmen wir z. B. Thukydides. Nachdem der Krieg mit Kerkyra gelesen und das Ganze repetiert ist, woran man in vielen Fällen sich schon begnügen muss, erhält ausnahmsweise ein Schüler, von dem ich weiss, dass ihm eine solche Aufgabe am liebsten ist, die historische Darstellung desselben schriftlich zu reproducieren und mündlich vorzutragen, ein anderer die geographischen Verhält- nisse, ein dritter die taktischen und so fort**). Grössere Abschnitte auf diese Weise, wenn

*) Philosophie heisst ihm die königliche Kunst(Euthyd. 289 B), weil sie über allen Künsten und Wissen- schaften gleichsam thront und den Blick emporzieht von dem Einzelnen zum Allgemeinen, vom einzelnen F'ach zum Zusammenhang der Wissenschaft, von der einzelnen Erscheinung zum Kosmos.

**) Schrader, Erziehungs- und Unterrichtslehre p. 371. Hier heisst es:»Am Schluss der Lectüre ist dagegen das Ganze noch einmal einheitlich zusammenzufassen oder besser noch durch die Schäüler selbst entwickeln zu lassen. Die Wiederholung hat das einzelne in das rechte Verhältnis zu der gesammten Com- position zu stellen und zu Vergleichungen anzuregen, welche für das Verstandnis des Schriftstellers wie für die allgemeine Bildung der Schüler gleich fruchtbar sein müssen«. Nur gilt auch hier, wie überall, die Warnung, dass nur ja der Lehrer, awo er auch wirken möge, dem Schüler nieht langweilig werde.

*) Schrader a. O. sagt in Beziehung hierauf:Und wenn ferner bei den Wiederholungen der reale