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andere als die Römer. Insbesondere aber würde dieser Vorwurf seine Anwendung auf Thukydides finden, dessen Werk eine Periode umfasst, voll der beklagenswerthesten Ereignisse und Hand- lungen, und man muss sagen, dass der Geschichtschreiber uns eine negative Lehre bietet, indem er uns einen Spiegel hinhält, in dem wir uns selber beschauen und vor unserm Ebenbild zurück- schrecken mögen. Denn wenn man von der Nachahmung der Griechen spricht, so hat das allerdings seine Richtigkeit, was Kunst und Wissenschaft und Liebe zur Freiheit betrifft*), allein in Beziehung auf einträchtiges Zusammenhalten in Zeiten der Gefahr und sonst gewähren sie uns ein abschreckendes Beispiel**), und es thäte Noth, sich in ihre Geschichte noch immer mehr zu vertiefen, um ihre Fehler vermeiden zu lernen, wenn überhaupt aus der Geschichte etwas zu lernen ist. Ja der Bürgerkrieg, wofür die Griechen um so mehr Namen haben, je häufiger er vorkam, ist bei ihnen recht einheimisch und sie sind für uns hierin um so weniger nach- ahmungswürdig, je mehr wir selber durch Zerrissenheit, Eifersucht und Zwietracht in unserm theuern Vaterland von jeher gelitten haben. Gottlob, es ist in vieler Hinsicht besser bei uns geworden, und wir dürfen von der Weisheit der Regierung hoffen, dass es noch immer besser werden wird. Aber nicht von der Regierung allein muss man dieses Resultat erwarten, sondern jeder Einzelne ist berufen, an seinem Theile hierzu mitzuwirken, und dieses erwarten wir auch von unsern Schülern, wenn sie dermaleinst in Amt und Würden stehen. Möchten sie sich durch Thukydides Darstellung des längsten und blutigsten der Bürgerkriege im Alterthum recht belehren lassen über das Eine, was auch uns noth thut, nemlich Einheit in der Mannichfaltig- keit, auf dass wir nicht, wie hier, einem zukünftigen Eroberer in die Hände arbeiten, und in der Meinung ein immer grösseres Mass von Freiheit zu erwerben, uns um diejenige, welche wir wirklich besitzen, bringen mögen. Doch ich kehre nach dieser Abschweifung zurück zu unserm Schriftsteller, den ich mir, ausser Poppo, am liebsten von dem sinnign Classen deuten lasse, ohne die Hülfe von Krüger und Böhme zu verschmähen. In der Schule aber dulde ich auch hier nur eine Textausgabe, um nicht dem einen Schüler einen Vorzug einzuräumen, welchen der andere nicht hat. Auf mancherlei Weise lässt sich das Interesse des Schülers an der Sache wecken. So Z. B. benutze ich gern die Inschrift auf die zu Potidäa Gebliebenen, welche Böhme in seiner Ausgabe(p. 52) mittheilt, um sie von den Schülern, da wo sie defect ist, ergänzen zu lassen und hierdurch ihren Scharfsinn zu üben. Würde sich nun die Ausgabe in den Händen auch nur eines Schülers befinden, so würde der Zweck verfehlt werden. Zu Hause mag er sie immerhin benutzt haben.
Doch ich wende mich nunmehr zu dem dritten unserer Triumvirn, zu Platon. Von diesem lese ich in der Regel Apologie, Kriton und Euthyphron, d. h. Sokrates im Gexicht, Sokrates im Gefängnis und Sokrates vor dem Gericht. Bei mehr Zeit empfiehlt sich auch folgende Gruppe: Euthyphron, Apologie, Kriton und Fragmente aus Phädon, oder Sokrates vor dem Gericht, im Gericht, im Gefängnis und bei seinem Tode. Auch Gorgias und Protagoras sind nicht zu verschmähen und Laches gestattet die Vertauschung mit Euthyphron. Auch durch den Charmides möchte man gern seine Schüler zur 6% οουν angeleitet sehen. Kurz
*) Herodot VII, 13.. *n) Herodot(VIII. 30) urtheilt selbst, dass die Phokier vermuthlich nur deswegen in dem Perserkrieg gut griechisch gesinnt gewesen, weil ihre Nachbarn, die Thessalier, persisch gesinnt waren.


