Aufsatz 
Ueber die griechische, insbesondere die Prosa-Lectüre in Prima / vom Oberlehrer Dr. Collmann
Entstehung
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der Freiheit mit dem Despotismus, der Bildung mit der Barbarei. Von Thukydides pflege ich die τεαι σφασνεο, d. h. den Krieg mit Kerkyra und Potidäa zu lesen, sodann den eigentlichen Krieg bis über die Pest hinaus mit Einschluss der Rede des Archidamos und nunmehr auch des Epitaphios von Perikles. Einmal habe ich, da mir bloss zwei Stunden zu Gebote stehen, die Reden ganz weggelassen, wobei ich nicht die Befriedigung gefunden habe, welche ein Bild gewährt, aus dem eine Seele spricht. Denn wenn auch Thukydides bewiesen hat, dass eine Geschichte historisch treu geschrieben sein kann, ohne darum eine Geduldprobe für den Leser zu sein, wie Schiller*) sagt, so sind doch die Reden gleichsam die Lebensbedingungen der er- zählten Ereignisse, welche zu kennen zum Verständnis des Ganzen fast nothwendig sind. Denn was das Uebrige betrifft, wie z. B. die Einleitung bis I. 23 und die Schilderung der Pentekontaetie, so kann der Lehrer hiervon so viel referieren, dass hierdurch ein Blick in das ganze Kunstwerk gewährt wird, die Reden aber lassen sich nicht wohl schildern, die wollen gelesen und ver- arbeitet sein; wiewohl am Ende auch hier eine kurze Analyse die Lesung vertreten muss. Entbehren aber möchte ich den Thukydides im Primacursus nicht, obgleich der treffliche Nägelsbach**) die Lectüre desselben widerräth, und zwar erstens, weil er ein trübes finsteres Wesen, keine helle Jugendlichkeit habe, und zweitens weil er vielfach zu schwer sei. Was den ersten Vorwurf betrifft, so habe ich hierüber weiter keine Erfahrung als die, dass sich meine Schüler durch diese Eigenschaft des Schriftstellers nicht zurückgestossen fühlen, sondern eher durch das sehr Charakteristische seiner Darstellungsweise gewonnen werden, diess sehe ich unter anderm auch au den Exercitien, welche bei den Bessern leicht die Farbe des Thukydides annehmen. Und etwas ähnliches muss sich auch wohl Böhme gedacht haben, wenn er so viele einzelne Sätze und ganze Stücke aus Thukydides in seinem Uebungsbuch mittheilt. Hinsichtlich des zweiten Vorwurfs kann ich mich auf die Aeusserung eines meiner Schüler berufen, welcher nach einer vierteljährigen Lectüre des Thukydides mir seine Verwunderung darüber ausdrückte, dass Thukydides so leicht sei, da er ihn doch für so schwer gehalten. Nun er hatte freilich noch nichts von den Reden und schwierigern Schilderungen gelesen. Hier muss allerdings der Lehrer vor der Präparation sowohl als vor dem Uebersetzen zu Hülfe kommen. Vor der Präparation pflege ich mit Beziehung auf schwierige Stellen Andeutungen zu geben, auf die schwierigsten aufmerksam zu machen, mit dem Rathe, nicht zu lange dabei zu verweilen, sondern Aufschluss von mir zu erwarten. Solche Andeutungen scheinen mir übrigens auch schon in den erzählenden Partieen wünschens- werth. Auf diese Weise werden gedruckte Uebersetzungen, wenigstens für die Bessern, über- flüssig gemacht, wenn auch leider schwerlich ganz verbannt. Vor der Uebersetzung deute ich hier, wie überall, auf diejenigen Stellen oder Ausdrücke hin, welche bei der häufigen Gedanken- losigkeit der Schüler in der Uebersetzung leicht verfehlt werden***). Noch ein ganz anderer Vorwurf bleibt hier zurückzuweisen, obgleich er sich mehr oder weniger auf die gesammte griechische Lectüre bezieht. Man hat nämlich gesagt, die Griechen verdienten die Achtung nicht, wie die Römer, weil sie keine Thaten gethan. Nun Thaten haben sie wohl gethan, aber

*) Schiller, Vorrede zur Geschichte des Abfalls der ver. Nied. p. 6. Ausg. v. 1847.

**) Vgl. über diese ganze Frage das treffliche Programm von Herbst, Thukydides auf der Schule. Magdeburg 1869.

**n) Vgl. Roth, Gymnasialpädagogik p. 196 ff.