4
ich daher, da unser Cursus zu Ostern beginnt, für die Sommer-, Herbst- und Weihnachtsferien zur Privatlectüre, welche nach dem Schluss der Ferien controliert wird*). Neben der Rede für den Kranz benutze ich eben so als Folie einzelne Abschnitte aus der betreffenden Rede des Aeschines, welche besonders geeignet sind, auf der einen Seite die Geschicklichkeit dieses Redners, auf der andern aber auch seine unwahrhaftige und unpatriotische Gesinnung, welche er durch Worte zu verdecken sucht, darzulegen, im Gegensatz zu der unerschütterlichen Wahrheits- und Vaterlandsliebe des Demosthenes, welcher alle seine Worte entströmen. Und würde sich die Lectüre des Platonischen Gorgias an Demosthenes und Aeschines anreihen, so dürfte der Lehrer nicht versäumen, an jene beiden Redner zu erinnern, wo Platon die echte Beredsamkeit von der falschen unterscheidet**). Und wenn Hegel versichert, dass das grösste Resultat des Peloponnesichen Krieges das Werk des Thukydides sei, so nehme ich mir heraus, meinen Schülern zu sagen, dass wir dem anstössigen Treiben Philipps die herrlichen Reden des Demosthenes verdanken, ähnlich wie ohne Napoleon's Despotismus Stein's Patriotismus nicht so hell leuchten würde. Die besten Dienste leistet mir bei der Erklärung des Demosthenes ausser dem unentbehrlichen Apparatus criticus von Schäfer, die vortreffliche Ausgabe von Rehdantz, welcher in der Seele des Redners so sicher zu lesen versteht und auch die beste Anleitung hierzu gibt. Fast enthält aber diese Ausgabe zu viel des Guten, weshalb ich in den Händen des Schülers noch lieber die Ausgabe von F. Franke mit latein. Anmerkungen sehe; aber in die Schule dürfen mir die Schüler auch diese nicht mitbringen, schon aus dem einfachen Grunde, damit nicht der eine vor dem andern den unverdienten und schädlichen Vorzug erhalte, aus den Noten heraus zu antworten. Zwar vill ich nicht leugnen, dass der Schüler, falls er im Besitz einer Ausgabe mit Anmerkungen ist, wohl angehalten werden kann, dieselbe auch ge- hörig bei der Präparation zu benutzen, allein man wird mir auch zugeben, dass ein solcher leicht der Versuchung unterliegt, sich auf seine Anmerkungen zu verlassen. Jedenfalls wird der Verkehr zwischen Lehrer und Schüler, lebhafter und fruchtbarer, wenn dieser die haupt- sächlichste Belehrung aus dem Munde jenes empfängt.
Auf dieselbe Weise ergänze ich die Lectüre des Thuky dides durch Herodot, von dem man nur ein halbes Buch gelesen zu haben braucht, um die totale Verschiedenheit beider Historiker zu erkennen und zu würdigen, sodann um zu begreifen, wie Thukydides sein Werk ein aμα dς det, und andere Geschichten ein ν̈ννινμα&ς τ ταααννμαάα nennen konnte; was das Gοννέμν von jenem, die ernste Miene der richtenden Geschichte gleichsam selber, und das dulce und candidum, die freundliche Miene des Herodot, zu bedeuten habe. Möchte man, wenn man Herodot erzählen hört, mit Winckelmann gleich aufpacken, um nach Aegypten zu reisen und unter den Pyramiden zu wandeln**), so lädt uns Thukydides zur ruhigen Betrachtung des grossen Ereignisses ein, welches er mit dramatischer Lebendigkeit unsern Augen vorführt. Indessen sind es nicht die ersten Bücher von Herodot, welche die Schüler am meisten ansprechen dürften, sondern die vier letzten, der weltgeschichtliche Kampf Griechenlands mit den Persern,
*) Hiermit steht, meine ich, nicht im Widerspruch, was Nägelsbach a. O. S. 142 f. sagt:„aber Lysias ist keine Schullectüre, weder der Sprache noch der Behandlung nach.“
*a) Jene erstrebt die rioreςᷣ ενιτ, diese die xtaνα Ʒμmςανν Vgl. p. 454 D.
rs) Justi, Winckelmaunn I. p. 152.


