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für den Dichter zwei Stunden angesetzt, wodurch der Schaden einigermassen gemindert erscheint.
Die Praxis denke ich mir nun folgendermassen. Erstes Semester sechs bis acht Wochen fünf Stunden Homer und(ausser den schriftlichen Uebungen) nichts als- Homer. Das führt erst in die Heldenwelt recht ein und macht mit ihr vertraut, das erwärmt das Herz und lässt es nicht sofort wieder erkalten, das öffnet den Sinn für den Dichter und hält ihn offen, das macht alles lebendig und interessant, von andern Vortheilen, die sich von selbst ergeben, nicht zu reden, denn Etymologie und Kritik haben auch noch ihr Recht nicht verloren. Sodann kommt der Prosaiker an die Reihe, ebenfalls mit fünf Stunden, jedoch so, dass Homer daneben als Privatlectüre fortgeht, zu deren Controle etwa von drei zu drei Wochen in der Klasse eine Stunde verwendet wird. Im zweiten Semester beginne man mit Sophokles und widme ihm so viel Zeit als hinreicht, um ein Stück zu absolvieren. Lesen die Schüler eine Tragödie in sieben bis acht Wochen durch, so werden sie viel mehr Genuss und Verständnis davon haben, als wenn sich die Lectüre langsam durch das ganze Semester hindurchwindet. Daneben muss aber Homer wieder wie in der zweiten Hälfte des ersten Semesters privatim gelesen und diese Lectüre in derselben Weise controliert werden. Homer muss der Mittelpunkt der poetischen Lectüre bleiben, denn»Homer ist der Dichter, den der Knab' anhöret mit Lust und der Alte mit Andacht«, die Ilias muss ganz gelesen sein und die Odyssee wenigstens zum guten Theil. Dagegen finde ich den Lyriker entbehrlich, zumal da die Sophokleischen Chorlieder Muster genug darbieten, um an ihnen die Gattung zu studieren, und das höchste Muster der Lyrik, Pindar, im ganzen den Schulen doch wohl fern bleiben wird*). Im zweiten Jahre wiederholt sich der Turnus auf dieselbe Weise.
Was nun insbesondere die Prosalectüre betrifft, so fragt sich: was soll gelesen werden und wie soll gelesen werden? Statt im allgemeinen diese Frage zu beantworten, ziehe ich es vor, meine Praxis, welche ich seit länger als zwölf Jahren befolgt habe, darzulegen, ohne An- spruch auf alleinige Berechtigung zu erheben. Ich lese(leider mit zwei Stunden) ein Jahr Demosthenes, ein Jahr Thukydides und ein Jahr Platon. Auf diese Weise lernen die Schüler, welche mit dem Anfang des Cursus eintreten, wenigstens zwei von diesen Heroen, wo möglich gründlich, kennen, während die in der Mitte desselben Eintretenden mit allen dreien Bekannt- schaft machen, nicht zu reden von denen, welche über den Cursus hinaus der Klasse angehören. Von Demosthenes lese ich in der Regel die Olynthischen und einige Philippische Reden, zwischen durch auch die Rede vom Kranz, und zwar diese um so lieber, je besser die Schüler sind. Für die schlichte Grossartigkeit des Redners aber hat der Schüler im allgemeinen in diesem Alter noch wenig Sinn, er ist selbst noch in der Regel zu sehr für die Phrase empfänglich. Jene muss ihm daher nahe gebracht werden, und das geschieht meiner Ansicht nach nicht besser, als wenn ihm ein Gegensatz geboten wird, in welchem der andere sich bespiegelt. Zu dieser Antithese halte ich des Lysias Epitaphios für ganz besonders geeignet, denn es müsste schlimm sein, wenn nicht auch mässig begabte Schüler das leichte Wortgeklingel solcher Reden von dem tiefen ernsten Glockenton des Demosthenes unterscneiden lernten. Diesen empfehle
*) Gleicher Ansicht ist Nägelsbach, Gymnasialpädagogik, herausg. v. Autenrieth. S. 145:„Für die Lyrik dienen die Chorlieder der Tragiker“.
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