Aufsatz 
Ueber die griechische, insbesondere die Prosa-Lectüre in Prima / vom Oberlehrer Dr. Collmann
Entstehung
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Ursachen noch ganz andern Ansprüchen genügt werden, jedoch dürfen auch diese nicht so vor- herrschend berücksichtigt werden, dass man uns nachsagen könne, wir läsen lediglich, um schreiben zu lernen; damit soll aber nicht gesagt werden, dass wer auf rechte Weise lesen lehrt, nicht zugleich auch die rechte Anleitung zum Schreiben gäbe.

Was nun die griechische Lectüre in Prima betrifft, so ist es wünschenswerth, dass sie wo möglich in einer Hand liege, die poetische wie die prosaische. Ist dies der Fall, dann lässt sich auch die Lectüre auf einen Schriftsteller beschränken und hierdurch der griechische Unterricht auf höchst erspriessliche Weise concentrieren. Die unentbehrlichen Scripta werden freilich bei der ausschliesslich poetischen, namentlich Homer-Lectüre, die Farbe davon annehmen, aber doch nur etwas mehr, als es so auch der Fall ist, denn mit homerischen Formen hat man ja immer mehr oder weniger zu kämpfen. Der Schaden ist aber auch nicht gross und wird sich bald durch die folgende Prosalectüre von selbst beseitigen. Ja sogar, was die lateinischen Aufsätze betrifft, so kann man sich nur wünschen, hier und da einer poetischen Wendung zu begegnen, dergleichen unsere besten Latinisten nicht vermieden haben, auch kann die Besprechung dessen, was Poesie von Prosa unterscheidet, nur dazu dienen, um die Begriffe zu läutern*).

Nicht zu billigen dagegen ist die Zerklüftung der Lectüre, z. B. in zwei Stunden Prosa, zwei Stunden Sophokles und eine Stunde Homer neben einander. Wer freilich Jahre lang seinen Homer und Sophokles interpretiert und Freundschaft mit ihnen geschlossen hat, wird sich nicht gern von ihnen trennen, eben so wenig wie ein anderer von Demosthenes und Plato u. S. W., für den Schüler aber wird die Vereinigung dieser Lectionen in einer Hand von ent- schiedenem Werthe sein, und darum handelt es sich allein. Ueberhaupt ist die Behandlung eines Gegenstandes, namentlich eines für sich bestehenden Gegenstandes, und insbesondere der Sprachen im Anfang, wie z. B. der französischen, in zwei wöchentlichen Stunden eine unglück- liche Idee, und wer sie erfunden, war kein richtiger Pädagoge, wiewohl in vielen Fällen, das weiss ich wohl, nichts anderes übrig bleibt, als sich mit zwei Stunden zu begnügen. Ich rede, wohl gemerkt, nicht vom Privatunterricht oder von dem akademischen, sondern von dem Unter- richt auf Schulen, wo es darauf ankommt, das Gelehrte auch zu üben, das Starre flüssig zu machen, das Gesetz, welches theoretisch begriffen und eingeprägt ist, durch die Praxis zur Geltung zu bringen. Denn mit drei wöchentlichen Stunden wird nicht etwa so viel mehr ge- wonnen, als die eine Stunde ausmacht, sondern der Unterricht in den zwei ersten Stunden wird durch die dritte erst recht fest und lebendig**). Auf den meisten preussischen Gymnasien finden sich auch jetzt mit Recht für griechische Prosa und Scripta zusammen vier Stunden und

*) C. L. Roth, Kleine Schriften I. p. 405 ff. Vergl. jetzt auch zwei Aufsätze von Weidner, Neue Jahrb. für Phil. und Päd. Heft 3 und 8 v. Jahr 1869, wo uns Lehrern der Secunda derselbe wie ein anderer Heisssporn mit 10 Büchern Livius und 12 Gesängen des Vergil weidlich einheizt. Nun er möoge mir diesen Scherz verzeiben, denn er ist gar nicht bös gemeint, im Gegentheil ich erkenne das Streben vollkommen an und bin überzeugt, dass demselben auch eine lebendige Theilnahme seitens der Schüler entspricht. Ich und mancher andere meiner Herrn Collegen werden indessen, wenn wir ihn auch als Wegweiser nicht aus den Augen verlieren wollen, schwerlich gleichen Schritt mit ihm halten(pedibus aequare cursum). Und sollten nicht Livius und Cicero sich gleichmässig in die Herrschaft der Secunda theilen? Vgl. auch Schrader, Erziehungs- und Unterrichtslehre p. 375.

*) C. L.. Roth a. a. O. p. 413.