1. Ueber die griechische, insbesondere die Prosa-Lectüre in Prima.
Diess ist unser! so lass uns sagen und so es behaupten. Göthe.
Di schönste Frucht des Unterrichts in den classischen Sprachen auf dem Gymnasium ist und bleibt die Fähigkeit, die grossen Geister der Griechen und Römer in ihrer Sprache zu verstehen und mit ihnen zu verkehren. Auf dieses Ziel ist insbesondere im Griechischen hin- zusteuern, hier muss die Lectüre den vornehmsten Platz einnehmen, und zwar so sehr, dass die schriftlichen Uebungen nur den Zweck haben, jenes Ziel desto sicherer zu erreichen. Hiermit soll letztern ihr Werth durchaus nicht abgesprochen, oder derselbe auch nur herabgesetzt werden, im Gegentheil, je mehr Gräcität der Schüler in seinen schriftlichen Arbeiten zu Tage fördert, desto mehr Bürgschaft gibt er, dass er seinen Schriftsteller wenigstens in formaler Beziehung versteht*). Im Lateinischen freilich muss in dieser Hinsicht aus begreiflichen
*) Auf die Frage, wie weit diese Uebungen ausgedehnt werden sollen, kann hier nicht eingegangen werden. Nur so viel sei bemerkt, dass man sich vor Uebertreibung zu hüten hat, damit nicht ein Extrem das andere, wie es zu geschehen pflegt, hervorrufe. So wurden in Preussen im Jahre 1834 durch Regl. vom 4. Juni die griechischen Arbeiten vom Maturitätsexamen gestrichen, weil man des Guten zu viel darin gethan hatte, da aber seitdem die griechischen Studien wieder anfiengen in Abnahme zu kommen, so wurden sie 22 Jahre nachher durch Circ. Verf. vom 12. Jan. 1856 mit Recht wieder hergestellt. Vgl. Wiese, Gesetze und Ver- ordnungen I, 205 und 212.(Bei uns in Hessen wurden sie durch das Jahr 1848 hinweggefegt, um bald wieder restituiert zu werden). Nunmehr nehmen sie den kurzen Zeitraum von zwei Stunden ein und sind hinsichtlich der Aufgabe auf ein bescheidenes Mass eingeschränkt. Dennoch ruht die Züärtlichkeit der Eltern nicht, welche diese schwere Last der Jugend gern abgenommen haben môchte. Besonders thätig ist man gegenwärtig zu diesem Zweck in Würtemberg, aber man muss sich wundern, dass daselbst die„Exposition“, d. h. das Ueber- setzen aus der fremden Sprache in die Muttersprache, gegenüber der»Composition“, dem Uebersetzen in die fremde Sprache, so eifrig empfohlen wird, da doch gerade dort die gedruckten Uebersetzungen so wohlfeil sind. Sehr beherzigens- und dankenswerthe Worte haben hierüber die Herrn Oberstudienrath Schmid, P.-Schulrath Klix und Prof. Teuffel gesprochen, der erstere in einer besondern Schrift(das Recht der griech, und lat. Schreibübungen), die beiden andern in der Berliner Zeitschr. für d. Gymn. und in den Neuen Jahrb. f. Phil. und päd. vom J. 1869.


