Aufsatz 
Geschichte des akademischen Pädagogiums in Marburg / von Christian Koch
Entstehung
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Selbst unter den verjüngten Namen der Cisterzienser, der Premonstratenser, und der Kartheuser sogar, erkannte man auch in Hessen bald wieder den alten Patienten, an dem selbst ein edler Landgraf, Ludwig der Friedsame, der besste in der Reihe vor Philipp dem Grossmüthigen, als ärztliches Mitglied der Bursfelder Congregation sich zu Tode kurirt haben soll.

Indessen Eine Hauptaufgabe hatte der alte Körper herrlich gelöset: die regelmässige Gewinnung der germanischen Einöden für Acker- und Gartenbau. Ja schon Jahrhunderte vor seiner äussern Säcularisation gefiel sich der Orden allein in den Verwaltungssorgen über Tausende von arbeitsamen Unterthanen, und erkannte sich selbst nicht mehr in der alten zum schleppenden Anhängsel gewordenen Schule.

Da aber liess die Vorsehung auf einmal für die veränderten Lehrbedürfnisse nach den Kreuzzigen seine Kinder und Enkel ins Leben treten, die, obgleich einander weder innerlich noch äusserlich sehr ähnlich, dennoch für die Schulen der Erkenntniss und Er- ziehung seine Stelle ersetzten. Es waren die Vereine von Salerno, Bologna, Paris; und fast zu gleicher Zeit die Väter des H. Franziskus und Dominikus. So trieb der alte Stamm der europäischen Bildung neue Zweige nicht ohne mannigfaltige Früchte noch jetzt bestehender Erbauung, Erkenntniss und Erziehung.

Die Universitäten wurden, was ihr Name besagt, bürgerliche Vereine von Lehrenden und Lernenden im Style der damals gleichzeitig aufblühenden städtischen Freiheiten und Innungen, mit sichtbarer Vorliebe für die Erkenntniss erwachsener Schüler in geistlichen und weltlichen Rechten, Glaube, Sitte und Gesundheit; und Erfurt ward gleichsam die hohe Landesschule für Thüringen und Hessen, gestiftet und gepflegt von den aufgeklärten und um ganz Deutschland so vielfach verdienten Nachfolgern des H. Bonifacius auf seinem Stuhle zu Mainz. Die Dominikaner und Franziskaner, und was unter Augustin's Namen damals Aehnliches entstand, behielten Benedikts Grundsätze in veränderten Formen familienartigen Gehorsams bei, und ergossen sich mit Feuereifer für Kanzel und Schule auch durch Thüringen's und Hessen's Wälder und Städte. So stifteten sie in hrer Zeit viel Gutes. Aber nachdem sie bekanntlich eine Stütze von Rom's despotischer Priester- herrschaft geworden, geriethen sie in Collision mit der aus Griechenland durch wunder- bare Fügungen schon einige Menschenalter vor der Reformation ausgewanderten Bürger- Weisheit, deren Schätze die gleichzeitig entstandene Druckerpresse durch unvorhergesehene gleich wunderbare Fügungen verbreitete, verallgemeinerte. Erziehung und Bildung durch Lesen und Schreiben fing an ein Bedürfniss aller Stände, aller Lebensalter zu werden, und die von ihrer Tracht also genannten Gogel- oder Kagelherrn, ein halb geistlicher, halb weltlicher Erziehungsverein, schon durch Landgraf Ludwig den Friedsamen von Münster nach Cassel gerufen, trug auch in Marburg, in Butzbach, wie anderwärts nicht wenig zur Befriedigung dieser geistigen Bedürfnisse aller Civilisation bei. Es bedurfte nur noch einer äussern Veranlassung, welche unsere menschliche Unwissenheit Zufall nennt,