Aufsatz 
Die gruppierende Unterrichtsmethode / von Gustav Schimmelpfeng
Entstehung
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schlimmste Gefahr, welcher der Lehrer in der Ausübung seines Berufes ausgesetzt ist, ist die, dass er bequem und stereotyp wird. So wie er selbst unterrichtet worden ist, oder wie er das erste und zweite Mal mit einigem Erfolge unterrichtet hat, genau so treibt er es nun wieder und immer wieder Jahr aus Jahr ein ¹) und wird natürlich zuerst selbst stumpf auf diesem immer betretenen, bequemen Wege, verliert das Interesse an dem schon so oft durchgepaukten Unterrichtsgegenstand, kann also auch keins erwecken in dem Herzen derer, die er unterrichten soll. Denn auch auf Gymnasien so gut wie auf Universitäten gibt es eine Tradition, und wie von einem Universitätsprofessor erzählt wird, dessen Zuhörer immer ganz genau wussten, wann ein Witz kam, so gibt es auch Lehrer, deren Schüler schon zum voraus wissen, nicht blos, wer von ihnen in der betreffenden Stunde zum Antworten aufgefordert, sondern auch was und mit welchen Ausschmückungen ihnen neu vorgetragen werden wird. Ist es denn aber zu verwundern, dass es noch heut zu Tage dergleichen Beispiele gibt, ja vielleichtt mehr, als mancher glaubt? Leicht ist es, sie zu tadeln, aber schwer ist es, nicht ebenso oder ähnlich zu werden. Niemand glaube, über solche Gefahren hoch erhaben und ganz sichergestellt zu sein, jeder ordne und sehe nach, ob sich nicht die Motten stereotyper Bequemlichkeit hier und dort einzuspinnen anfangen! Denn bei der noch vielfach herrschenden, unzulänglichen äussern Stellung des Lehrerstandes, so lange noch viele zur Sicherung ihrer Existenz darauf hingewiesen sind, sich mit Privatstunden zu überladen, gehört grosse Kraft und Characterstärke dazu, eine lebendige Frische sich zu bewahren. Und doch ist, wenn für irgend einen Beruf, gerade für den die Jugend zu bilden, eine unerlässliche Forderung die heitere Freudigkeit in der Ausübung desselben, und nur der Lehrer kann mit Erfolg auf die ihm anvertraute Jugend wirken, der selbst jugendlich heiter, aber auch freundlich ernst und strenge ihr gegenüberzutreten vermag. Darum, je kärglicher der äussere Lohn, je seltener selbst Anerkennung und Dankbarkeit der Schüler und ihrer Eltern ist, um so mehr ist es nöthig, sich stets aus sich selbst heraus umzupacken und sich die freudige, hingebende Liebe zum Berufe durch Nichts trüben zu lassen. Das sei unser Ziel, aber auch die Quelle unserer Kraft. Nicht genug zu beherzigen sind Nägelsbach') Worte, die vielleicht gar vielen zu hart klingen:»Dem Lehrer muss die Schule das höchste Interesse sein, für sie muss er sein ganzes Leben arbeiten, mit Ausschluss aller edlen und zumal unedlen Nebenbeschäftigungen. Denn wollte ein solcher Lehrer erwiedern, für seine Schule

1) Klix in Zeitschrift f. d. Gym. Wes. Berlin 1863. S. 536.Jeder Lehrer ist der Gefahr aus- gesetzt, in einen gewissen Mechanismus zu versinken, so dass die Bahn, in welche er sich durch die Praxis eingelebt hat, für ihn zu einem tief eingeschnittenen Geleise zu werden droht, aus welchem er sich nur mit Anstrengung, oft auch gar nicht mehr herausarbeiten kann. Blümmer, Tegnér als Pädagog. Büdingen 1859. S. 15.Tritt der Mechanismus in solchem Amte auf, so wächst todtes Fleisch in dem lebendigen Organismus, und Wissenschaft und Kunst werden zum Handwerk.

2) Gymnasialpädagogik von Autenrieth. S. 21 und 22.