so verliere ich gewiss auch noch die wenigen Leser, die ich sonst würde gefunden haben; und es ist doch gar traurig, wenn man beim Schreiben immer denken muss, es wird doch nicht gelesen. Zum Schreiben gehört, dass man ein Publikum vor Augen hat, an das speciell man seine Worte zu richten sich vornimmt. Mein Publikum suche und hoffe ich zu finden an meinen Berufsgenossen nah und fern, die gleich mir arbeiten an dem mühsamen und doch so herrlichen Werke, die Jugend zu bilden, die sich bewusst sind der ganzen schweren Verantwortung, welche auf unsere Schultern gelegt ist, die wissen, dass man um Andere zu bilden nie aufhören darf sich selbst zu bilden, die ringen und kämpfen mit dem Schlechten und suchen, was besser ist, die auch als Lehrer noch lernen wollen. Nicht dass ich sie mit meiner geringen Erfahrung belehren wollte, aber erinnern möchte ich sie an eine schlimme Gefahr, der jeder Lehrer ausgesetzt ist, erinnern an den schlimmsten Feind der Schuljugend, und dann ihrer Beurtheilung ein Mittel vorlegen, das ich im Kampfe gegen beide bewährt gefunden habe. Dies ist das bescheidene Ziel, das ich mir zu meiner Abhandlung gesteckt habe.
II.
»Habt ihr wohl bemerkt, dass, wenn man lange einen Kleiderschrank nicht öffnet, die Röcke nicht herausnimmt und trägt, sie umpackt, das Möbel lüftet, nachsieht und ordnet, leicht Motten sich hier und dort einspinnen und selbst ganz neues, schönes Tuch zernagen und sich ganz gute Theile herausbeissen, die nachher zu Löchern werden? Seht, so ist es auch mit dem Menschen. Er muss an das Freie, umgepackt und getragen werden, etwas erleben, sonst setzen sich in der ungestörten Einsamkeit noch schlimmere Motten in sein Herz und seinen Verstand.— Beissen nun Motten und andere Gewürme uralte Pelze und Schlafröcke entzwei, so ist der Schmerz nicht so gross, und der Schaden lässt sich verwinden; aber wenn es neuem, feinem Tuch, kaum erst gemachten schönen Kleidern widerfährt, so möchte man aus der Haut fahren.— So sieht man an alten Leuten das Abgeschabte, die Stellen, wo ihnen die Motten zugesetzt haben, kaum mehr; aber wenn sich in das junge, glänzende Gespinnst schon so viel Teufelszeug einfrisst, das ist um das junge Blut Schade«.— Es war in den ersten Tagen meiner Lehrerthätigkeit, erst wenige Wochen hatte ich unterrichtet, als mir zufällig diese Stelle aus Fieck's Novellen*) vor die Augen kam; das ist wohl der Grund, dass ich ihr damals eine specielle Beziehung auf die Lehrerwelt gab, dass mir seitdem immer diese Stelle und mit ihr die Furcht vor den Motten im Gedächtniss geblieben ist; denn das ist gewiss, der Lehrer, der sich nicht umpackt, wird von den Motten angefressen. Die
1) Der Jahrmarkt. Novellen. B. IV. S. 9.


