Aufsatz 
Über die angebliche Farbenblindheit Homers / von Karl Euler
Entstehung
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genqu dem Inhalt und Umfang nach einem Worte aus einer anderen. Doch 2ο gerade 4 ist von unserem Rot recht wenig zu unterscheiden.

Was aber die Sache, die rote Farbe anbetrifft, So ist gerade aus den vielen Aus- drücken für die verschiedensten roten Farbentöne zu erschen, wie genau die homerischen Dichter diese einzelnen Farbenabstufungen aufgefasst und bezeichnet haben. Und wenn dabei Ungenauigkeiten im Gebrauch dieser Bezeichnungen mit unterlaufen, so geht es uns in unserer Sprache nicht viel besser. Was nennen wir nicht alles rot? Das rote Gold der Nibelungen, die rote Rose, das rote Blut, den Fuchs im roten Kleid, das Rotwild und das rote Vogels- berger Rindvieh! Haben wir darum einen unentwickelten Farbensinn? Das wird freilich auf Grund der vorerwähnten ungenauen Farbenbezeichnungen niemand behaupten, da tausendfaches anderweitiges Material zum Beweise des Gegenteils zu Gebote steht. Wie steht es denn aber mit dem zur Prüfung des Farbenempfindungsvermögens der homerischen Dichter oder, wie Gladstone und Magnus meinen, der homerischen Menschen uns vorliegenden Material? Die bunten Gewänder dieser Zeit sind längst vermodert, Schriftliche Urkunden, Farbenver zeichnisse u. s. w. Sind nicht vorhanden, ausser der Ilias und der Odyssee steht uns nichts zur Verfügung. Und wenn wir aus diesen Gedichten uns über die Farbenempfindung jener lange verrauschten Zeit unterrichten wollen, müssen wir vor allen Dingen im Auge behalten, dass ein dichterisches Kunstwerk uns den Stoff zu unseren Untersuchungen liefert. Ein Dichter aber, besonders einer, der unter dem jonischen Himmel gelebt und die Farbenpracht der griechischen Landschaft gefühlt hat, der einem phantasiebegabten Volke seine Gesänge vorträgt, Wird in seinen Liedern andere Farbenbezeichnungen verwenden als ein Prosa- schriftsteller, z. B. Aristoteles, wenn er ein wissenschaftlich genaues Werk üher die Farben schreibt. Dieser himmelweite Unterschied für die Beurteilung ist von Gladstone und La Roche nicht beachtet worden. Bei dem Lesen der von diesen Gelehrten herausgegebenen Untersuchungen kommt einem unwillkürlich der Gedanken, sie hätten als Grundlage ihrer Er- örterungen ein Färberlexikon, in dem es auf absolute Genauigkeit ankommt, und in dem man mit kühlem Verstand vielleicht eine der ungefähr 50 verschiedenen Sorten von Blau heraus- suchen soll, während wir doch die wunderbar schönen homerischen Dichtungen mit nachbil- dender Phantasie betrachten sollen und uns im Geiste an die Stelle der im herrlichen, farben- prächtigen griechischen Insellande lebenden homerischen Menschen versetzen müssen, denen Wendungen wie 60000 G2 kos HAe oder=övrog olwow ohne weiteres das farbenreiche Bild der die Wölkchen rosig umsäumenden Morgenröte oder das dunkelrot in der Abendsonne leuchtende Meer vorzauberten, ohne dass eine abstrakte Farbenbezeichnung nötig gewesen wäre. Eine solche unsere Vorstellungskraft in Bewegung setzende Sprache wirkt doch zweifellos poetischer als die niichterne Bezeichnungrot in den obigen Fällen und ist auch der jugendlichen ho- merischen Zeit viel angemessener. Denn nicht nur ein dichterisches Kunstwerk liegt vor uns, sondern das älteste griechische Gedicht aus der Jugendzeit des griechischen Volkes, in der die Dichter noch in einer Sprache redeten, deren sinnliche Kraft noch nicht geschwunden, wo die Prägung der Worte noch nicht abgegriffen war, wo man von Abstraktionen noch wenig wusste. Den Standpunkt von Gladstone und La Roche müssen wir also aufgeben.

Bei der Beantwortung der Frage nach dem Farbenempfindungsvermögen der homerischen

Jänger kommt es nicht allein darauf an nachzuweisen, ob und wie viele abstrakte Bezeich- nungen der Farben des Spectrums sich in der Odyssee und Ilias finden, sondern auch ob sich