Aufsatz 
Über die angebliche Farbenblindheit Homers / von Karl Euler
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

Auch für das, was wir rot nennen, giebt es nach La Roche bei Homer keine Be- zeichnung. Es kommen, wie er sagt, nur einzelne Ausdrücke vor, welche irgend eine Art des Roten, Braunen, Dunkelgelben oder Rötlichgelben bezeichnen. Den Reigen eröffnet 20 908, ein Synonymum von. Ooins bezeichnet eine rotbraune, oder dunkelrote, plutrote arbe. oννοε ist blutrot, dunkelrot; dαmιs, ganz plutrot, steht als Attribut der Löwen- haut, des Schakals, der Schlange und des Luchses. 4idoοwh bedeutet braun, dunkelgelb oder allgemein funkelnd. æ bezeichnet eine rötliche, blonde, gelbliche, falbe Farbe. Das Morgenrot, als Göttin, wird οτννπτ‿‿‿οs und 6⁰000 GzreAos genannt.Wir haben, soschliesst er die Erörterung über das Rot,auch hier nichts anderes, als eine unbestimmte Bezeichnung der rosa- oder rötlichgelben Farbe, sowie sich denn überhaupt bei Homer kein Ausdruck findet, der zur Bezeichnung einer sich bestimmt gleichbleibenden Farbe, wie unser grün, gelb, blau, gebraucht würde. NXur licht und dunkel sind dem Dichter wesentliche Beiwörter. Wir haben ge- sehen, dass Gegenstände von wesentlich verschiedener Farbe ein und dasselbe Attribut haben, ebenso hat derselbe Gegenstand an verschiedenen Stellen zur Bezeichnung der Farbe verschiedene Attribute, die wesentlich von einander abweichen.

Absichtlich habe ich die Resultate von La Roche etwas ausführlicher wiedergegeben, um die ganze Art seiner Beweisführung genauer hervortreten zu lassen, die ihre Schwäche so am besten zeigt.

La Roche meint also, Gegenstünde von wesentlich verschiedener Farbe hätten ein und dasselbe Farbenattribut, und anderseits hätte derselbe Gegenstand(z. B. der Wein) an ver- schiedenen Stellen zur Bezeichnung der Farbe verschiedene Attribute, die wesentlich von ein- ander abweichen, oder kürzer gesagt, die Farbenbezeichnungen bei Homer seien im gewissen Sinn unbestimmt, und daraus schliesst er dann, dass der Dichter noch keinen entwickelten Farbensinn hatte.

Wenn dieser Schluss richtig wäre, dann hätten auch wir modernen Menschen nur einen wenig entwickelten Farbensinn, denn sowohl die dichterische Sprache, als auch die Redeweise des alltäglichen Lebens ist zu unserer Zeit nicht viel genauer. Nennen nicht auch wir Zinn, Elfenbein, Schnee, Fett, Zähne, Knochen, Milch, Haut weiss? Und dabei ist die Farbe des Zinns(lat. plumbum album) himmelweit verschieden von der Hautfarbe der Europäer. Sprechen wir nicht auch von Weisswein? oder von Weissbrot im Gegensatz zu Schwarzbrot, das auch in seiner Farbe mit der Tinte gar keine Khnlichkeit hat? Wir bezeichnen auch ganz verschieden gefärbte Dinge mit schwarz, wenn auch dessen Gebrauch nicht so ausgedehnt ist, wie der des homerischen ‿α, da wir noch das Wort dunkel für das griechische έας haben. Schwarz ist auch bei uns ein Beiwort der Erde, des Wassers(vergl. Schwarza), der Wolken, der Nacht, der Asche u. s. w., auch des Blutes, natürlich des dunkelroten. Vino nero sagt der Italiener von dem tiefroten Wein; Homer nennt den Wein des Maron εας und zugleich 2νσκνι und αοm Daraus schliesst La Roche,dass alle die Ausdrücke das- selbe bedeuten. Ein wunderbarer Beweis! Kann denn ofyos nicht mit drei Attributen ver- sehen werden, ohne dass diese gleichbedeutend sein müssen? Sprechen nicht auch wir von dunklem, rotem, funkelndem Wein? Dunkel nennen wir auch die roten Trauben, den Epheu (vergl.Im dunkeln Laub die Goldorangen blühnü), den Stahl, das Eisen u. s. w.

Bei der Erörterung über Rot hat es sich La Roche recht leicht gemacht. Er meint, es gebe keine Bezeichnung im Griechischen, die sich mit unserem Rot decke. Da hat er in gewissem Sinne recht, denn es entsprechen überhaupt nur wenige Worte einer Sprache ganz