des Farbensinnes betrachtet und kommt nach überaus vorsichtiger und gewissenhafter Be- trachtung der gegen und für eine Entwicklung des menschlichen Farbenempfindens sprechen- den Gründe zu folgenden Resultaten.„Direkte Gründe teils deduktiver Art(insbesondere die Thatsache, dass heute alle Menschenracen und viele Tiergeschlechter Farben sehen), teils historischer Natur sprechen in entscheidender Weise dafür, dass die Farbenempfindung den vorchristlichen Kulturvölkern, ja wohl allen früheren menschlichen Geschlechtern in keiner Weise ja gefehlt hat.“„Was die Erscheinungen betrifft, die man für Farbenblind- heit unsern menschlichen Vorfahren vorbringt, so erklären sie sich teils als Folgen allmäh- licher Ausbildung des Urteils für Farben und des Interesses für ihre genaue Bezeichnung; teils sind sie Ausfluss der poetischen Diktion(bei den alten Dichtern); teils endlich wurzeln sie in einer Umwandlung des F
Ebenfalls gegen die Magnus'sche Hypothese wendet sich in einer eingehenden gründlichen psychologischen Studie Rudolf Hochegger ¹). Er untersucht den Ausdruck
„Farbensinn“, der dreierlei Bedeutungen in sich schliesse. Er drücke nämlich erstens die
arbengefühls.“
Fähigkeit aus, Farben zu empfinden(Farbenempfindungsvermögen), sodann die Lust oder Un- lust der angeborenen oder erworbenen Gefühlslage einer Farbenempfindung gegenüber(Farben- gefühl) und schliesslich die intellektuelle Gewandtheit, die durch unmittelbare Wahrnehmung oder frühere Erfahrung gegebenen Farbenempfindungen ihrem Inhalt nach zu beurteilen (Farbenunterscheidungsvermögen). Im Anschluss hieran giebt er eine Geschichte der Ent- wicklung des menschlichen Farbenempfindungsvermögens und kommt in betreff der uns be— schäftigenden Frage nach dem Farbenempfindungsvermögen bei Homer zu dem Resultat, dass von dem Mangel eines solchen keine Rede sein könne.
Mit demselben Gegenstand beschäftigt sich Edm. Veckenstedt in seiner aus- führlichen Schrift:„Geschichte der griechischen Farbenlehre. Das Farbenunterscheidungsver- mögen. Die Farbenbezeichnungen der griechischen Epiker von Homer bis Quintus Smyrnäus. Paderborn 1888.“ Er wendet sich gegen Gladstone und die„Augendarwinisten“ und sbricht seine Ansicht dahin aus, es sei unbegründet, wenn diese behaupteten, die Wahr- nehmung der prismatischen und der Pigmentfarben bei Homer sei mangelhaft gewesen; ebenso unbegründet sei die Erklärung, dass das zur Zeit Homers noch nicht genügend ent- wickelte Sehvermögen die Ursache dieser merkwürdigen Erscheinung, nämlich der behaupteten Parbenblindheit, Sei. Anzuerkennen wäre die Thatsache, dass die altgriechische Dichtung die helleren Farben des Spektrums vor den dunkleren bevorzuge; indessen finde sich dieselbe Erscheinung bei den griechischen Philosophen, die ebenfalls mehr Farbenbenennungen auf- wiesen, die auf die erste Hälfte des Spektrums gehörten als auf die zweite dunklere. ÜUber- haupt bevorzugten nicht nur die Dichter der verschiedenen Zeiten und Völker, sondern auch die Naturvölker und unsere Kinder die langwelligen Farben, und diese Eigentümlichkeit aller Zeiten und Völker erkläre sich aus der Natur selbst, die die Arbeit der Menschen dem Tage, dem Licht. der Farbe zuweise, der Nacht aber die Ruhe, darnach müssten die Farbenbe- zeichnungen der helleren Seite des Spektrums reichere Beziehungen des Geschenen, Em- pfundenen und Benannten wiederspiegeln als diejenigen der dunkleren Seite des Spektrums.
Der vorstehende kurze Überblick zeigt uns zwei von einander verschiedenen An- sichten über die sogenannte Farbenblindheit Homers. Die erste ist diejenige von Glad-
1) Die geschichtliche Entwicklung des Parbensinnes, Innsbruck 1884.


