Aufsatz 
Über die angebliche Farbenblindheit Homers / von Karl Euler
Entstehung
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sämtliche Farben des Spektrums werden empfunden. Doch scheinen in den Intensitäten der einzelnen chromatischen Empfindungen nicht unerhebliche Schwankungen zu existieren. Rot mit seinen Dependenzen bis zu Gelb wird stets in der lebhaftesten Weise empfunden, während den kurzwelligen Farben(also Grün, Blau) gegenüber sich eine gewisse Unklarheit des Empfingungsorgans bemerkbar macht. Abgesehen von Rot ist bei einzelnen Stäümmen ohne Zweifel eine weit grössere Empfindlichkeit für die Lichtstärke als für den Parbeneindruck vorhanden. In dieser Bevorzugung des Lichteindrucks gegenüber der Farbenempfindung wurzelt denn auch die allgemeine Farbeneinteilung vieler Nationen. Wir finden 3 Gruppen: 1) Rot mit allen Nuancen bis Gelb. 2) Hell, umfassend alle lichtstarken Nuancen der verschiedensten Farben, mit Ausnahme von Rot, 3) Dunkel, umfassend alle lichtarmen Nuancen der ver- schiedensten Nuancen. Schliesslich kommt Magnus zu folgenden Sätzen: 1) Die Farben- terminologie bei vielen Naturvölkern ist kümmerlich, aber der Farbensinn gut. 2) Die Aus- drücke für Rot sind viel schärfer ausgeprägt als diejenigen für kurzwellige Farben. 3) Un- gemein häufig kommt eine Verwechselung der sprachlichen Ausdrücke der verschiedenen Farben besonders im Spektrum benachbarter Farben vor.

Diese Ergebnisse erklärt Magnus auf folgende Weise. In sehr frühen Perioden der menschlichen Entwicklung wurde nur das Licht mit seinen Abstufungen empfunden, aber noch nicht die Farben. Die Netzhaut befand sich damals noch in dem Zustand, in dem noch heute ihr peripherischer Teil verharrt, der für die Farben im allgemeinen So gut wie gar nicht empfindlich ist. Diejenige Farbe, die mit einer ganz besonderen Reizstärke begabt war, hat sich zuerst dem erwachenden Farbensinn aufgedrängt, und das war eben Rot. Es kam dem Menschen am ersten zum Bewusstsein und klaren Verständnis und darum ist seine Nomen- klatur auch am schärfsten entwickelt. So kommt man denn zu folgendem System: 1) Rot, 2) Lichtreich, 3) Lichtarm. Bestärkt wird übrigens diese Ansicht durch die Entwicklung des kindlichen Farbenvermögens.¹) Soweit Magnus.

Gegen dessen Ansichten richten sich die Veröffentlichungen von Dr. Ernst Krause und G. Jäger im Kosmos. ²)(Genauere Angaben hierzu, die für meinen Zweck nicht direkt von Wichtigkeit sind, giebt Hochegger, a. a. 0. S. 5 Anm.) Beide suchen zu beweisen, dass schon bei den Tieren der Farbensinn vorhanden ist, und dass also die Entwicklung des Auges in der Richtung hin, nicht nur Helligkeitsgrade, sondern wirkliche Farben sehen zu können, schon auf der vormenschlichen Stufe sich vollzogen habe. Die spärlichen FParbenbe- zeichnungen der antiken Völker seien keine Folge einer Unvollkommenheit des menschlichen Auges, sondern seien auf die mangelhaft entwickelte Sprache zurückzuführen. Der Gebrauch neuer Farbenbezeichnungen hänge mit dem Aufkommen neuer Farbstoffe zusammen. Dieselbe Ansicht verficht Graut Allen. ²) Eine weitere Uebersicht der petr. Litteratur giebt Marty) bis zum Jahr 1879 sowie Hochegger a. a. 0.

Der weitaus bedeutendste Gegner von Magnus ist Marty in seiner eben ange- führten Schrift. Er hat von psychologischem Standpunkt aus die Hypothese von der Entwicklung

1) S. Preyer, Die Seele des Kindes, Leipzig 1882.

2) Zeitschrift für einheitliche Weltanschauung auf Grund der Entwicklungslehre, I. Bd. S. 264 ff., 423 fl. und 486 ff.

3) The Calour-Sense: its origin and development. An essay in comparative psychologie. Lon- don 1879. Rechtmässige deutsche Ausgabe, Leipzig 1880.

4) Die Frage nach der geschichtlichen Entwicklung des Farbensinnes, Wien 1879.