Aufsatz 
Über die angebliche Farbenblindheit Homers / von Karl Euler
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

Lichteindrücken nicht ihre Qualität, sondern nur ihre Quantität bemerkt. Zu einem ähnlichen Resultat kam der bekannte Homer-Herausgeber La Roche in seiner Programm-Abhandlung Die Bezeichnungen der Farben bei Homer, Linz 1880.

Im Jahre 1867 hielt Lazarus Geiger, der diese Arbeit von Gladstone kannte, einen Vortrag auf der Versammlung deutscher Naturforscher in Frankfurt a. M.Uber den Farben- sinn der Urzeit und seine Entwicklung, in dem er entwickelte, das menschliche Empfinden und insbesondere die Farbenwahrnehmung habe ihre Geschichte. Schwarz und Rot seien ein- mal die einzigen Eindrücke gewesen, für die das Auge vor Jahrtausenden empfänglich gewesen sei. Von Rot habe sich die Empfindung des Auges für Farben der Reihenfolge des Spektrums entsprechend entwickelt, es sei also zuerst die Fähigkeit, Orange, dann Gelb. Grün, Blau u. s. W. zu sehen, entstanden.

Sowohl Gladstones als Geigers Ansicht wurde bekämpft, aber auch mit Beifall auf- genommen. A. Schuster widerlegte in Mützells Zeitschrift 1861. 1. Bd. S. 712 ff. Gladstones Ansicht und erklärte die Seltenheit der Farbenbezeichnungen bei Homer aus einem epischen Stilgesetz, und zwar mit Berufung auf Vischers Asthetik.

Gegen Geiger wandte sich W. Jordan, der bekannte Homerübersetzer(Fleckeisens Jahrbücher 76, S. 161 ff.), der die Ansicht äusserte, die homerischen Dichter hätten zwar Blau gesehen, aber Grün sei noch von Gelb und Graubraun ungetrennt gewesen. Auch G. Steinthal hielt Geigers Resultate für ganz verfehlt und logisch unmöglich.(Ursprung der Sprache im Zusammenhang mit den letzten Fragen alles Wissens 1877).

Der hervorragendste Freund der Geigerschen Entwicklungstheorie ist unstreitig II. Magnus, der in den Jahren 1877 83 diesen Gedanken in 5 Veröffentlichungen weiter ent- wickelte, ¹) in denen er schliesslich die Resultate einer weit ausgedehnten Untersuchung üher die Parbenempfindungen und die Farbenbezeichnungen der verschiedensten uncivilisierten Völker veröffentlichte. Er hatte mit dem Ethnologen Peschnél-Loesche einen Fragebogen und. eine bunte Farbenskala in Hunderten von Exemplaren an Missionare, rzte, überseeische Handlungshäuser geschickt, ²) mit der Bitte an diese,durch direkte Prüfungen den Umfang und die Leistungsfühigkeit des Farbensinns uncivilisierter Völkerschaften festzustellen, sowie die sprachlichen Beziehungen, in denen sich die verschiedenen Bethätigungen des Farbensinns äussern, zu sammeln. Der Fragebogen enthielt die Farben: Schwarz. Grau, Weiss, Rot. Orange, Gelb, Grün, Violett, Braun. Einige 70 solcher Fragebogen kamen allmählich zurück, an deren Ausfüllung sich besonders die Missionsanstalten beteiligt hatten. Die Resultate hat Magnus dann in der oben angeführten 5. Arbeit zusammengestellt. Es sind kurz folgende: Der Umfang des Farbenorgans scheint bei den verschiedensten Völkern der nämliche zu sein,

1) 1. Die geschichtliche Entwicklung des Farbensinns, Leipzig 1877.

2. Die Entwicklung des Farbensinns, IX. Heft der 1. Reihe physiologischer Abhandlungen, herausgeg. von W. Preyer, Jena 1877.

3. Untersuchungen ſiber den Farbensinn der Naturvölker, VII. Heft der 2. Reihee der physiol. Abhand- lungen, herausg. von W. Dreyer, Jena 1880.

4. Farben und Schöpfung. Acht Vorlesungen über die Bez. der Farben zum Menschen und zur Natur. Breslau 1881.

5. Über ethnologische Untersuchungen des Farbensinns, Virchow-Holtzendorff, XVIII, S. 471

506, 1883.

Ahnliche Untersuchungen hat auch Grant Allen angestellt. Die genaueren Litteraturangaben s. bei

be

Hochegger, die gesch. Entwicklung des Farbensinns 1884. S. 10 ff.