Die angebliche Farbenblindheit Homers.
Es ist ein sinniger Ausspruch der Araber, die beste Beschreibung sei die, in der das Ohr zum Auge umgewandelt werde. Wenn irgend ein für das Ohr berechnetes Werk, so können die homerischen Gedichte auf diese lobende Beurteilung Anspruch machen. Denn der oder die homerischen Sänger, die ein äusserst scharfes Beobachtungsvermögen besassen, haben es trefflich verstanden, alles, was sie ihren Hörern vortrugen, mit einer geradezu verblüffenden Naturwahrheit zu schildern. Hierin suchen sie in der Weltlitteratur ihresgleichen. Ob ein Kampf vor Troja Gegenstand der Rhapsodie ist, oder ob die Behausung des göttlichen Sau- hirten vor unseren Blicken sich aufthut, ob wir uns mit dem Odysseus im Wirbelsturm befinden oder den vielgeplagten Helden in die feindliche Stadt der Phäaken geleiten, ob wir den Widerschein der strahlenden Schönheit der Helena auf den Gesichtern der trojanischen Greise sehen, oder den einsamen Vieldulder auf der Insel der Kalypso sich nach der väterlichen Insel blauen Bergen sehnend erblicken— überall zaubern die Worte des Dichters nur krystall- klare Bilder vor die Seele. Was insbesondere die Wahrheit der Naturschilderungen bei Homer anlangt, so möchte ich statt alles anderen die Worte Goethes aus seiner italienischen Reise hersetzen, die er in Neapel den 17. Mai 1787 geschrieben hat.„Was den Homer anbetrifft, So ist mir wie eine Decke von den Augen gefallen. Die Beschreibungen, die Gleichnisse u. S. w. kommen uns poetisch vor und sind doch unsäglich natürlich, aber freilich mit einer Reinheit und Innigkeit gezeichnet, dass man davor erschrickt.——— Nun ich alle diese Küsten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und Sandstreifen, buschige Hügel, sanfte Weiden, fruchtbare Felder, geschmückte Gärten, gepflegte Bäume, hängende Reben, Wolkenberge und immer heitere Ebenen, Klippen und Bänke und das alles umgebende Meer mit so vielen Abwechselungen und Mannigfaltigkeiten im Geiste gegenwärtig habe, nun ist mir erst die Odyssee ein lebendiges Wort“.
Auffallend ist es, dass in diesen homerischen Naturschilderungen sich verhältnismässig wenig Farbenbezeichnungen finden, während doch die Buntheit der Mittelmeerlandschaften gerade das Gegenteil erwarten liesse. Diesem Gedanken ist der bekannte, jetzt verstorbene englische Staatsmann Gladstone nachgegangen und hat in seinem 1858 erschienenen Werke Studies on Homer and the Homeric Age, III sect. IV pag. 457 ff. eingehend über die homerischen Farbenbezeichnungen gehandelt, wobei er zu folgendem Resultat kommt. Die prismatischen Farben seien von Homer nur mangelhaft und unbestimmt wahrgenommen worden, denn er gebrauche dieselben Farbenausdrücke zur Bezeichnung von Farben, die nach unserer Auffassung wesentlich von einander verschieden seien und anderseits erhielte dasselbe Objekt fundamental verschiedene Farbenepitheta. Homer habe infolge einer allgemeinen Farbenblindheit an den


