17 unter dem Gesetze der Entwicklung steht, nur eine solche sein, welche einerseits selbst eine vielfache und endliche, und andrerseits nur die Wirklichkeit einer ganz bestimmten Entwicklungsstufe ist. Eine Philosophie aber, welche die Immanenz Gottes im Menschen lehrt und daneben die Transscendenz festhalten will, ist mit sich selbst im Widerspruch, und eine hierauf basierte Christologie fällt, zu welchen Resultaten sie auch kommen mag, von selbst in sich zusammen.—
Ist aber Gott ewig sich selbst objectivierender und ewig in sich zurückkehrender Process, so kann derselbe niemals in einem bestimmten Zeitpunkte absolut abgeschlossen gewesen sein; und ist die Weltgeschichte also die Geschichte des sich selbst zum Bewusst- sein kommenden Gottesbewusstseins, so kann Christus wohl der Anfang einer neuen Epoche, in welcher der Menschheit durch ihn das Bewusstsein der an sich seienden Identität des Endlichen und Unendlichen, des Göttlichen und Menschlichen aufging,— aber niemals zugleich der Gipfel und der Zielpunkt, der sich in stetiger Reihe entwickelnden Weltgeschichte sein, die sich vielmehr über ihn hinaus fortsetzt; auch er ist nur ein Moment des Ganzen, welches durch die unendliche Totalität seiner Glieder zur adäquaten Darstellung der Idee ergänzt werden muss. Wer überhaupt von den beiden in der Mensch- werdung Gottes liegenden Seiten, dass nämlich Gott zu jeder Zeit, an jedem Orte und in jedem Individuum sowohl ist, als noch nicht ist, die erste so hervorhebt wie Hegel, musste doch natürlich den Erlöser seiner specifisch eigenartigen Würde entkleiden und ihn auf gleiche Stufe mit den zu gleichem Bewusstsein gekommenen Menschen herab- drücken, was er aber doch selbst wieder einen irreligiösen, mit der wahren Philosophie nicht verträglichen Standpunkt nennt ¹).
Weiter aber ist auch der Begriff der Sünde und damit der ganzen Erlöserthätigkeit nicht tief genug gefasst; die Entwicklung des Menschen hängt wesentlich geradezu mit dem Falle und der Entzweiung mit Gott zusammen; ja der Durchgang durch die Sünde erscheint als unvermeidlich, wenn der Mensch zu der Erkenntnis kommen soll, dass die Negation, das Anderssein Moment der göttlichen Natur ist. Dann kann aber auch nicht von der Sündlosigkeit Christi die Rede mehr sein, welche Hegel doch annimmt; denn mit der Menschheit hat er auch die Spitze der Endlichkeit, das Böse angenommen; und die Unsündlichkeit, die ihm der Glaube zuschreibt, bezieht sich in Wahrheit auf die Idee der Menschheit, die in ihrer Totalität der wahre Gottmensch ist.
Ueberhaupt beruht die Nothwendigkeit der Erscheinung eines Gottmenschen mehr auf dem Bedürfnis der Menschen, sich Gott nahe zu wissen, als auf der nothwendigen Bestimmung des göttlichen Wesens sich in diesem einzelnen Menschen zu manifestieren; ja selbst jenes Bedürfnis erfordert nicht nothwendig die faktische Existenz eines solchen, da ja der Mensch in seinem unmittelbaren Bewusstsein sich selbst in diese Einheit mit
¹) Hegel, Bd. XII., 240.


